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Höhepunkt des Konstruktivismus

Majakovskij / El Lissitzky: "Für die Stimme"

Von Eva Burghausen

 

 

Die Enge, die Regierende und ökonomisch Profitierende den Menschen diktieren, schnürt die Luft ab. Überall werden Ursachen für das unglücklich machende, jeder Zeit und Entfaltung beraubte Leben gesucht. Die ersten Antworten finden sich im Alltag, über Bord wird geworfen, was stört, Nischen entdeckt, Kanäle geöffnet.

Die Lebenslust strömt heraus, Freiheit verbreitet sich, sie tut oft weh, aber sie lässt so viel Spannung zu, Entfesselung, Kunst entsteht.

Nicht 2012. 1898, Russland. Mitten darin Lissitzky, der Lazar mit Vornamen hieß und sich „El Lissitzky“ nannte. Er ist ohne einen Inkubator nicht denkbar, und der war eine Zeitschrift mit dem Titel „mir iskusstva“ („Die Welt der Kunst“) und deren Begründer Sergej Djagilev. „Die Welt der Kunst“ veränderte den Blick auf die alte russische Kunst, auf die Ikonenmalerei, auf Farb- und Formgebungen. An diese Revolution konnte El Lissitzky anknüpfen, nicht anders als Malewitsch und Kandinskij. Die Zeitschrift, 96mal erschienen, ebnete den Weg zur russischen Moderne.

Verschmelzung von -man möchte fast sagen: allem- ein ungemein modernes Konglomerat an Geistesblitzen verband Sergej Djagilev, ein stilsicherer Dandy, der allein mit den „Ballets russes“ eine sehr leibhaftige Verbindung zwischen Russland und Europa schuf. Moderner Tanz, futuristische Malerei, alte Normen abschüttelndes Denken, das alles dokumentierte „mir isskusstva“. El Lissitzky war ein Freigeist, den das Brodeln der Zeit packte. In St. Petersburg durfte er als Jude nicht studieren, das tat er in Darmstadt; Architektur.

Djagilev veröffentlichte Artikel zu Raum, Licht, Farbe - der Boden für El Lissitzky, der geschmacklich und gestalterisch bestimmend werden sollte für den Konstruktivismus, war bereitet. Und dann kam noch ein dritter Mann ins Spiel. Wladimir Majakovskij. Der radikale Bohemien war ein genialer Dichter. Die Lektüre seiner Gedichte ist bis heute eine Offenbarung, und sie weckt eine unglaubliche Lust auf die Seiten des Lebens, die mit Leidenschaften zu tun haben. Die Geschichte ist natürlich lange nicht fertig erzählt, aber sie hat einen Höhepunkt im Jahre 1923, als es Majakovskij von den Sowjetkulturbehörden genehmigt wird, ein Buch zu publizieren. 13 Gedichte. Er bittet El Lissitzky, sie zu illustrieren. “Für die Stimme“ entsteht, ein Buch, in dem die Illustrationen den Gedichten in nichts nachstehen, bei dem man nicht weiß, was einen zuerst anziehen soll, ein Buch, das den ganzen Leser schluckt. „So wie bei dem Dichter“, schreibt El Lissitzky zu seiner Vorgehensweise, „aus dem Gedanken und dem Laut das Einheitsgebilde, das Gedicht, entsteht, so wollte ich eine gleichwertige Einheit aus dem Gedicht und den Elementen der Typographie schaffen.“ El Lissitzky betonte: „Dieses Buch ist nur mit dem Material des Setzkastens ausgeführt.“ Programmatisch der Untertitel: Konstruktion eines Buches. Da war er entstanden, „ein Höhepunkt des Konstruktivismus“ (Lothar Lang), und seither geistert dieses Meisterwerk durch die Köpfe der Begeisterungsfähigen (auf deutsch von Wolfgang Beilenhoff 1973 zugänglich gemacht; seither nicht mehr und nur in Bibliotheken einzusehen).

(Ein Exemplar der Erstausgabe von 1923 ist bei Ketterer Kunst, Hamburg, am 21. Mai 2012 zu ersteigern).    

 

 

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Charmant, voller Witz

Nina Schleif (Hg.), Armin Zweite (Hg.): Pablo Picasso. Künstlerbücher: Werke aus der Sammlung Udo und Anette Brandhorst

Von Eva Burghausen

 

Picasso, nun gut, da darf man davon ausgehen, dass nichts wirklich Neues zu erfahren ist. Oder? Zweifel kommen auf, und was für schöne Zweifel, wenn man „Picasso Künstlerbücher“ in die Hand bekommt. Was für eine schöne, angenehme Überraschung! Ein neuer, kleinerer Aspekt in Picassos Schaffen, der doch ein erhellendes Licht auf Leben und Werk des Großmeisters wirft.

In mehr als zehn Beiträgen - allesamt am Leser orientiert und gut verständlich - wird Picassos Schaffen (und auch Nicht-Schaffen: Keine Bilder zu Cervantes!) vorgestellt. Die kundigen Kommentare, die durch gut ausgewählte Bilder gestützt werden, erlauben einen Blick in die Welt des Verlegens und der Kunst, eine reizvolle Kombination, die den Betrachter richtig beschwingt. Was für Kulturleistungen! Natürlich benötigt man Geduld und Ruhe angesichts der Illustrationen Picassos, das bunte große Bild macht es einem leichter. Der Sammelband „Picasso Künstlerbücher“ ist natürlich mehr als eine Ergänzung zu der Ausstellung, die im Museum Brandhorst in München im Frühjahr 2011 zu sehen war. Das Buch steht für sich. Wer jedoch das Glück hatte, die Ausstellung besucht zu haben, auch den bereichert dieser Band. Er erklärt soviel, weicht auch Kritischem nicht aus, legt Hintergründe schlüssig dar. Die Aufmerksamkeit, die das Thema Künstlerbücher und Picasso verlangt, lohnte sich bei der außergewöhnlichen Präsentation im Museum und lohnt sich bei diesem wunderschön gestalteten Buch.      

Was einem als erstes in den Sinn kommt, ist, das Picasso durch Bilder gesprochen hat, dass seine Bilder genau das sind, was beim Romanciers das Schreiben. Dadurch haben seine Illustrationen so etwas Vollkommenes. In Picassos Künstlerbüchern wird der Kontext des Malers verschoben. Auch dann, wenn er eine Zeichnung en passant dahingeworfen hat, ist zu spüren, dass der Maler nichts Unbedachtes tut. Das lässt sich schon an den Korrekturen erkennen. Sein beständiger Witz bei Anmerkungen, bei Überarbeitungen, machen Picasso auch persönlich sympathisch - wenn jemand mit dem Starsein umgehen konnte, ohne daran zu zerbrechen, dann war Picasso es.

Man muss der Sammlung Brandhorst Respekt zollen. Was für ein Bestand! Gerade weil die Beschäftigung mit ihm Zeit und wirkliches Interesse verlangt.

 

Nina Schleif (Hg.), Armin Zweite (Hg.)

Pablo Picasso. Künstlerbücher: Werke aus der Sammlung Udo und Anette Brandhorst

Gebundene Ausgabe, 29,2 x 22,6 x 3,2 cm

Hirmer Verlag, 2010 Deutsch

300 Seiten, 45,00 Euro

ISBN: 978-3777431017

 

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Ein Buch nur? Ausdruck des deutschen Gegenentwurfs

Das Evangeliar Heinrich des Löwen als Faksimile

Von Liedeke Hagenberg

 

Heinrich der Löwe war kein Haudegen. Er war in seinem Leben um vieles gebracht worden, durch den frühen Tod der Eltern, durch Erbteilungen, durch Ränkespiele. Jeder Schritt von ihm war der eines Mannes, der nicht aufgeben wollte, dem das, was ihm in die Wiege gelegt worden war, verwehrt wurde, und der sich zurückholen wollte, was ihm an Macht und Ehre zustand. Unendlich viel erreichte er, gründete Städte, die noch heute von Bedeutung sind, prägte das Verhältnis zu Rom, dessen Kultur in wechselseitiger Befruchtung in die deutschen Fürstentümer drang.

Kulturell war Heinrich der Löwe natürlich im heutigen Sinne kein beflissener Mann, aber er wusste seine hehre Rolle in die Sprache der Zeit zu übersetzen, und der Weg dazu führte über Glaube und Religion. Darum gaben Heinrich und seine Gemahlin Mathilde das Evangeliar in Auftrag, in dem sie verewigt werden sollten.

Ein Buch nur? Die deutsche Nationenbildung, unser Selbstverständnis als Nation und das Deutschland in den heutigen Grenzen lässt sich durchaus auf das frühe Mittealter zurückführen. Dort herrschte Friedrich Barbarossa als Kaiser, ein Vetter Heinrichs. Er wurde von Heinrich ständig zum Handeln gezwungen, keine Ruhe wurde ihm vor den Ansprüchen Heinrichs gelassen. Er konnte nie träge und faul sein Kaisertum genießen, er wurde bewertet nach den Taten des anderen. Heinrich der Löwe ist ein Sinnbild der deutschen Geschichte, die durch alle Jahrhunderte hindurch die klare Gegenseite kannte. Die Bevölkerung musste sich immer wieder eine Position suchen zwischen Gegnern. Auch im historischen Blick! Bis in die jüngste Generation hinein haben Deutsche über die Herrscher und über die auf der anderen Seite zu entscheiden.

Das Evangeliar Heinrichs des Löwen ist nicht nur ein singuläres Produkt aus dem Mittelalter. Es erzählt von einer deutschen Geschichte, die nicht nur den einen Strang kennt und lehrt daher etwas, was wahrscheinlich das beste an Deutschland ausmacht. Irgendwann wird es das wertvolle Buch online zu lesen geben, natürlich. Doch mit Haptik und Mantik hat das nichts zu tun, und sie ist wichtig bei einem Werk, das Hereinfühlen erfordert. Es war richtig, das Evangeliar zu ersteigern, und es wäre richtig, die Faksimile-Ausgabe als Sinnbild von Kontinuität hochzuhalten. Im November 2010 ist eines von einer 950 Stück zählenden Faksimile-Ausgabe bei Christian Hesse Auktionen in Hamburg versteigert worden. Es hat einen Preis von 3.700 Euro erzielt.

 

Die Rezensentin ist Mittelalterforscherin und beschäftigt sich hauptsächlich mit Friedrich Barbarossa.

Bilder: Gritt Hesse, Hamburg

 

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