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Weckt kritisches Denken

Leatrice Eiseman / Keith Recker: "Pantone. Farbe in Kunst und Leben"

Von Eva Burghausen

 

Bei diesem Buch weiß man nicht, wo man anfangen soll mit dem Urteil darüber. Ein grandioser Ansatz, diese ganz andere Geschichte der Farbe, die durch das 20. Jahrhundert führt. Die Farbpalette, von der amerikanischen Firma Pantone mit Zahlenkombinationen beschrieben und seither international standardisiert und verwendet, hat im 20. Jahrhundert eine unglaubliche Erweiterung erlebt. Jahrzehnt für Jahrzehnt dekliniert dieses -was soll man sonst erwarten?- hervorragend und sehr professionell gestaltete- Buch die historische Entwicklung Europas und Amerikas durch, unter dem Aspekt der vorherrschenden Farben in den Zeitläuften. Am Seitenrand dazu Pantone-Farbquadrätchen mit den jeweiligen Zahlen-Bezeichnungen.

Von 1900 bis in die 1990er Jahre geht die spannungsreiche Reise durch die Explosion der Farben. Art déco wird neben „Tut-Manie“ gestellt, Cocktails neben Reiseziele, und das alles unter die große Schirmherrschaft der Farbe. Es ist eine Wonne, die drei, vier Bilder pro Doppelseite zu jedem Oberbegriff zu betrachten, und eine äußerst anregende intellektuelle Entdeckungsreise. Wer in historischen Zusammenhängen denken möchte, erweitert hier seinen Horizont enorm. Dass nichts voneinander getrennt wird, kein Unterschied zwischen trash und bitterem Ernst gemacht wird, darauf kann man sich hier einlassen. Es lohnt sich ja: Leicht zu durchschauende Werbeplakate neben verdammt guter Kunst.

Soweit zu den Bildern. Aber die Texte! Sie sind in einem Stil gehalten wie eine Anweisung. Denkt man zunächst, nun ja, „Farbexperten“ -das sind die Autoren- , sind halt keine Sprachexeperten, und eine wortschatzreiche Sprache ist eben nicht ihr Metier, wird zusehends deutlich, dass dieser Stil der der Marketingdiktatur ist. Kurze leblose Sätze werden einem eingehämmert, jede Liebe zur Sache ist einer manipulierenden Geschäftemacherei gewichen. Und so fällt dem Leser Seite für Seite auch noch das große Andere an den Farben ein, das dieses Buch ausklammern muss. Dass Farben, Farbensehen, Farbenlieben, mit Farben umgehen etwas höchst Individuelles ist, dass nur mit Mühe im 20.Jahrhundert in eben jene Marketingmaschine, die die Farben angeblich erst möglich gemacht hat, gepresst werden konnte. Was uns bevorstünde, würden Leute wie Leatrice Eiseman wirklich Herrscherin über die Buntheit sein, wäre eine Urheberrechtstyrannei über das Farbensehen. Zum Glück ist aber auch die Marketingwelt auf originelle Geister angewiesen -von denen man in diesem Buch auch einige bildgewaltig erleben darf-, ist sie doch, wie in jeder Branche, nur ein Verwerter, oft wie ein Abdecker. Es scheint so, dass Farbexperten die Manipulation durch ihr Fachgebiet feiern. Hätten sie recht, würden die Farbsehenden die Farbenblinden beneiden müssen. So bleibt, dass „Pantone“ ein prächtig anzuschauendes, in der Bildauswahl neue Perspektiven eröffnendes Buch ist, das zudem und aus Versehen kritisches Denken weckt. Und wie.

 

Leatrice Eiseman / Keith Recker

Pantone. Farbe in Kunst und Leben

Gebundene Ausgabe, 28,7 x 23,8 x 2,5 cm

Dumont Buchverlag; 2011)

208 Seiten, 25,00 Euro

ISBN: 978-3832193904

 

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Die eurasische Bildplatte

Yang Liu: „Ost trifft West“

Von Daniel Ableev

 

Der Verlag Hermann Schmidt aus Mainz ist eine sehr feine Institution, die hochwertige und originelle Publikationen aus den Bereichen Typographie, Design und Kreativität realisiert. Irgendwo dazwischen ist das geistreiche Bildbändchen von Yang Liu, mittlerweile in der siebten Auflage, einzuordnen. Die international tätige, in Peking geborene Designerin, die auf ihrem Lebensweg sowohl die chinesische als auch deutsche Kultur verinnerlicht hat, stellt hier auf immer wieder verblüffend lakonische Weise, nämlich mit (wortlosen) Piktogrammen, einige wichtige Unterschiede zwischen den Einwohnern der beiden Länder dar. Dabei geht es um mehr oder weniger fundamentale Eigenheiten in der Mentalität, um Traditionelles und Alltägliches.

Bescheidenheit und Zurückhaltung sind beispielsweise tief in der chinesischen Kultur verankert: Wenn jemand liebt, dann ist das Gefühl stärker als dessen Mitteilung, erkennbar gemacht anhand zweier unterschiedlich großer Herzen in der Gedanken- und Sprechblase. Dasselbe gilt für große Ideen, die nicht unbedingt groß herausposaunt werden - hierzulande scheint es wohl genau umgekehrt zu sein. An dieser Stelle fragt man sich, wie ein Chinese mit dezentem Ego wohl in einem deutschen Vorstellungsgespräch abschneidet, immerhin wird in Europa ja alles andere als schüchterne Selbstwerbung gefordert.

Auch erfährt man, dass die Familienzusammengehörigkeit im Osten viel stärker ist, dementsprechend ist auch der Respekt vor Älteren ausgeprägter. Ansonsten wird in China am liebsten dreimal warm gegessen, und zwar immer häufiger mit Messer und Gabel – während bei uns eher Stäbchen trendy sind. Geduscht wird abends, geschlafen mit geschlossenem Fenster. Und, ach ja, auf Reisen ist ein echter Chinese natürlich nichts ohne seinen Fotoapparat.

Die deutsche Buchlandschaft ist äußerst beeindruckend, wenn man mal an den Bestsellerlisten vorbei in die Kataloge alternativer und/oder Underground-Verlage schaut. Und wenn man sich übrigens das Hermann-Schmidt-Gesamtverzeichnis besorgt, wird man überrascht feststellen, dass selbst diese Broschüre einfallsreicher (nämlich mit ausklappbaren Lesezeichen) und besser verarbeitet daherkommt als so manche „richtige“ Publikation anderer Verlage.

 

Yang Liu:

„Ost trifft West“

Verlag Hermann Schmidt 2011

100 Seiten, Euro 15,00

ISBN 978-3-87439-733-9

 

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Der wahrscheinlich misslungenste Park von Berlin

Seraphina Lenz: "Werkstatt für Veränderung"

Von Bettina Meinzinger

 

Dorothea Kolland, Kulturamtsleiterin in Berlin-Neukölln, nennt ihn den  wahrscheinlich misslungensten Park von ganz Berlin. Schmal, teuer, lieblos und hässlich sei er: Der Carl-Weder-Park.

Angelegt wurde er 1999 auf einem Autobahndeckel über der durch den Bezirk laufenden A 100 – die ja ein Ärgernis für sich allein darstellt. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Der Park also – unansehnlich, dreckig, mit dürrem, vertrocknetem Gras und wenig genutzt soll er gewesen sein.

Der Künstlerin Seraphina Lenz war er somit günstige Ausgangslage für ihr fast 10 Jahre dauerndes Kunst- und Nachbarschaftsprojekt „Werkstatt für Veränderung“. Wie könnte man die Anwohner im „sozialen Brennpunkt“ Neukölln zur Partizipation bewegen, sie zusammenbringen, und dazu bringen, kreativ tätig zu werden. Das problematische Konzept der Bürgerbeteiligung wird diskutiert. Was Lenz vermeiden möchte: Erzwungenes Mitmachen, Belehrung und Bevormundung, das Handeln an den Interessen der Anwohner vorbei zum Zwecke künstlerischer Selbstdarstellung.

Anscheinend ist ihr das auch gelungen.

Ab 2003 initiiert sie jedes Jahr ein Projekt, an dem die Bewohner rund um den bis dato kahlen und kargen Platz mitmachen können – oder auch nicht.

Die Projekte muten schlicht an: Im ersten Jahr stellt sie blaue Liegestühle auf, um mehr Sitzgelegenheiten zu schaffen. Ein simples Mittel, um die Attraktivität der Grünfläche zu steigern. Im zweiten  Jahr  folgt ein besonders schönes Projekt: Stehlampen werden zwischen Parkbänken aufgestellt, die Besucher aufgefordert, Taschenlampen und ähnliche Lichtkörper mitzubringen. Der zu den Abendstunden eher gemiedene Park beginnt zu leuchten, die Anwohner danken es, indem sie  dort bis tief in die Nacht hinein sitzen, lesen, sich unterhalten.

Die darauffolgenden Projektjahre beinhalten den Auftritt eines weißen Pferdes, das Anlegen eines Kräuter- und Gemüsegarten oder gemeinsames Kochen. Im letzten Jahr können die Anwohner in einer Schreibwerkstatt die vergangenen Jahre Revue passieren lassen, die daraus entstandenen Texte künden von vielen schönen Erinnerungen, die mit dem Park verknüpft werden, mit Begegnungen, die man dort gemacht hat.

 

Einen Überblick über dieses Projekt bietet der vom Bezirksamt Neukölln in Zusammenarbeit mit dem Salon Verlag herausgegebene Band „Werkstatt für Veränderung“ mit zahlreichen farbigen Photos, die die Zeit zwischen 2003 und 2010 dokumentieren, Textbeiträgen sowie einem Interview mit Seraphina Lenz.

 

Seraphina Lenz:

"Werkstatt für Veränderung"

Salon Verlag 2011

191 Seiten, Euro 25,00

Deutsch, Englisch

ISBN 978-3897703827

 

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Kritisch, offensiv

Kirche leer - was dann?: Neue Nutzungskonzepte für alte Kirchen!

Von Martin Lohmüller

 

 

Was ist eine leere Kirche? Wohl eine, die weder von der Gemeinde (was ja heutzutage häufiger vorkommt) noch von der Kirche genutzt wird. Keiner will sie mehr haben, auch in Zukunft nicht. Das heißt, es steht ein Koloss da, der aber - anders als etwa ein Fabrikgebäude - nicht einfach so umgenutzt werden kann: Denn Kulturdenkmäler sind Kirchen doch noch.

Der neoliberale Denkmalschutz, dem sich Deutschland in den letzten Jahren verschrieben hat, hat seine Funktionsweisen perfektioniert: Da man nicht abreißen kann, wird so lange stehen gelassen, bis es zusammenfällt. Allein, Glaube und Kirche stehen in einem Zusammenhang, Weihe und Würde stehen gegen kurzgreifende Wirtschaftlichkeit, die Bauten stehen herum und wollen nicht recht fallen wie ihre gefährlich staatsnahen Herren. Praktisch und übertragen: Solidität in der Bausubstanz verhindert das Bröckeln.

Deswegen macht man sich seit Jahren Gedanken über neue Nutzungskonzepte. Die Besitzer wollen die Besitzer bleiben (Stichwort: Reversibilität aller Einbauten), der Wert als Denkmal darf nicht angekratzt werden. „Kirche leer - was dann?“, herausgegeben von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, nimmt den Leser mit auf eine instruktive Reise durch die schrumpfende Bundesrepublik. Nicht immer ist leicht zu verkraften, was man da zu sehen bekommt. Ein Restaurant in einer Kirche? Puh. Glücklicherweise lassen die vielzähligen, kompetenten Autoren einen nicht allein, sie denken mit, kritisch, offensiv. Anschauliche Beispiele, kreative Ideen (ob es immer gute sind, darüber kann man mitdiskutieren nach der Lektüre des Buches), Beiträge voller Engagement und Ausrufungszeichen. Vieles muss ungeklärt bleiben - schon, wer wirklich das Sagen. Eine Kirche, der außer Fusion nichts einfällt, die sich bequem einrichtet in einem Land ohne Gläubige? Ein Staat, der seine Bürger kaputt spart und seine Kulturgüter erst recht? Menschen, die mit Leere und Besinnung, mit Zweckfreiheit nichts anzufangen wissen?

Die Provokationen, sie bleiben dem mitdenkenden Leser, so bürgerlich-betucht die Beiträger des Bandes auch sind. Ein tiefgreifendes Thema, beackert,. ohne oberflächlich zu werden.

 

Deutsche Stiftung Denkmalschutz (Hg.):

Kirche leer - was dann?: Neue Nutzungskonzepte für alte Kirchen!

Imhof 2011

142 Seiten, Euro 19,95

Größe: 29,4 x 20,8 x 1 cm

ISBN 978-3865686848

 

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Denkmal setzen

Wolfgang Wippermann: Denken statt denkmalen: Gegen den Denkmalwahn der Deutschen

Von Martin Lohmüller

 

„Denken statt Denkmalen. Gegen den Denkmalwahn der Deutschen“ ist das buchgewordene Essay von Wolfgang Wippermann, Historiker in Berlin, westdeutsch und links. Ein Fachgebiet: Ideologiegeschichte. Verkämpft er sich jetzt in einem Bereich, das die Bürger still ertragen und die Politiker auf eigen geschmacklose Faust durchsetzen - aber alle Seiten ohne Leidenschaft?

Natürlich nicht, Wer Goethe und Schiller auf dem Marktplatz ganz nett findet, der will noch lange keine Ehrenmale oder so monumentale wie aussagelose Denkmäler.

Wippermann versucht erfolgreich, in die verschwurbelten Gedanken zum Thema Ordnung zu bringen, gegen das Kopfschütteln der Denkenden angesichts der Denkmalflut, gegen die Arroganz der Geschmackvollen angesichts der ästhetischen Alpträume die Diskussion als für alle würdig aus dem Morast zu heben.

Wippermann holt die Diskussion aus der intellektuellen Düsternis. Wir müssen uns damit beschäftigen, wo doch in diesem einen Fall Wegschauen gerechtfertigt wäre.

Denn natürlich ist klar, dass diese stumpfsinnige Denkmäler eine Anti-Haltung provozieren. Warum eigentlich?

Wippermann erklärt es (ohne dass er die Reaktionen der denkenden Bevölkerung erklären wollte; ihm geht es selbstverständlich um die Denkmäler, die die Politik durchgesetzt hat). Er blickt zurück auf die unrühmliche Geschichte des Denkmalwahns in Deutschland, das 19. Jahrhundert, das 20. Jahrhundert, bis zu den gegenwärtigen Zumutungen. Das Buch ist spannend! Keinen Absatz lang lässt der Autor einen in Ruhe, er fordert Stellungnahme, und man sieht sich dazu auf beste essayistische Weise gezwungen. Und das beste ist: Man sieht sich dazu nach der Lektüre besser imstande! Dass das in Zukunft bitter nötig ist, steht zu befürchten.

 

Wolfgang Wippermann:

"Denken statt denkmalen: Gegen den Denkmalwahn der Deutschen"

Rotbuch Verlag 2011

Broschiert, Deutsch

192 S., Euro 9,95

 

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Eindringlich! Wirkungsvoll!

"Power Up. Female Pop Art"

Von Bettina Meinzinger

 

Niki de Saint Phalle ist wütend. Mit einem Gewehr schießt sie auf ihre Bilder. Die dort angebrachten Farbbeutel explodieren. Sie schießt, als Angriff auf das Patriarchat, auf die Köpfe berühmter Staatsmänner ebenso wie auf ihre „Femme éclatée“, ihre berstende Frau, deren Körper mit kleinem Plastikspielzeug beklebt ist und an einen langsam verwesenden Leichnam erinnert.

Die Klosterschwester Corita fertigt Siebdrucke an, die plakative Parolen, die gleichzeitig alles und nichts bedeuten können, in die Welt hinaus schreien: „Stop the Bombing“ oder „Power Up“. Es ist die Zeit des Vietnamkriegs, aber auch der Frauen- und Bürgerrechtsbewegung.

Die Figuren in den Bildern von Dorothy Iannone, mit ihren betont herausgestellten Geschlechtsteilen, erinnern an die Darstellung antiker erotischer Tempelkunst Südasiens.

So verschieden die Künstlerinnen im Katalog zur gleichnamigen Ausstellung „Power Up. Female Pop Art“ (die bis Anfang 2011 in der Kunsthalle Wien zu sehen war) auch sind, sie alle verfolgen eine Agenda. Die in der Ausstellung präsentierten Werke entstanden zum größten Teil in den 1960ern und behandeln die beherrschenden Themen dieser Zeit: Krieg, Technologisierung, die Entstehung der Konsumgesellschaft und der Massenmedien. Besonders mit letzterem schreitet auch die Objektifizierung des weiblichen Körpers voran. Er dient als Projektionsfläche für männliches Begehren, wird als Pin-Up an die Wand gehängt, als Filmstar verehrt, mit ihm als schmückendem Beiwerk werden die Güter der schönen, neuen Warenwelt verkauft.

Evelyn Axell antwortet darauf mit Bildern von Frauen, die vollkommen in sich selbst versunken, ihren Körper genießen. In ihrer humoristischen Collage „Research“ zeigt Kiki Kogelnik einen mit weißem Kittel bekleideten Mann, der ganz im Sinne der Wissenschaft, mit einem Fernglas die gespreizten Beine einer Frau untersucht und führt damit vor, wie Pornographie, mindestens seit der Entstehung der ersten Sexfilme in den 1900er Jahren, funktioniert. Körperpolitik spielt auch bei Iannone eine Rolle: von ihr stammen kleine Figuren von Frauen und Männern aus Pop und Politik – John F. Kennedy, Rolling Stones etc. - mit aus der Hose hängenden Penis respektive Vulva. Sie feiert den sexuellen Genuss, setzt sich dabei aber auch immer kritisch mit heteronormativen Geschlechterverhältnissen auseinander. Die Pop Art-Frauen zeigen den weiblichen Körper aus Sicht der Frau und nehmen sich damit die Macht und die Kontrolle darüber zurück.

Die Darstellung der Frau als konsumierbares, typisiertes Lustobjekt, der schönen Oberflächen der Massen- und Medienkultur, des technischen Fortschritts gab es auch bei den männlichen Vertretern der Pop Art. Warum also benötigt es einer Ausstellung, die sich explizit mit Pop Art-Künstlerinnen auseinandersetzt? Fakt ist, dass sie weit weniger bekannt sind als ihre männlichen Kollegen. Warum eigentlich? Sie experimentierten früh mit verschiedenen Techniken und Materialien (Siebdruck, soft sculptures, Plastik) und behandeln die Themen der Pop Art eindringlich und wirkungsvoll, gerade wenn es um den weiblichen Körper geht, aus einer dringend erforderlichen weiblichen Perspektive. Dass Jann Haworth zusammen mit ihrem Ex-Mann Peter Blake für das ikonographische Album- Cover von „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“ verantwortlich zeichnet, wird teilweise bis heute unter den Tisch gekehrt.

„Power Up. Female Pop Art“ ist ein vorzüglich bebilderter Katalog, ergänzt durch kluge, reflektierte Essays und ein gelungener Beitrag dazu, die Geschichte der Kunst ein Stück weiter auf einen angemessenen Stand zu bringen.

 

Angela Stief:

Power Up - Female Pop Art

Dumont 2011

288 S., Euro 29,99

ISBN 978-3832193560

 

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Bildhauerei und Modellwelten

Rainald Schumacher (Hg.): "Thomas Schütte. Big Buildings"

Von Martin Lohmüller

 

Thomas Schütte - das ist ein seit 1979 auf internationalen Ausstellungen gezeigter Künstler, documenta (1992) - Teilnehmer, kein Unbekannter auch beim aufmerksamen Publikum. Rainald Schumacher, Kurator der Schütte-Ausstellung, die 2010 in Bonn gezeigt wurde, hat eine Einführung ins Werk Schüttes verfasst. Als Katalogtexter muss er dem unbedarften Laien erklären, was Schütte will und soll. Das gebaute Modell, damit beginnt Schumacher, gibt dem Denken die Möglichkeit, Dinge durch Betrachten und während des Betrachtens durchzuspielen. Wem Modelle eher aus der Architektur bekannt sind, liegt nicht falsch. Thomas Schütte arbeitet in einem Spannungsfeld mit architektonischen Bezügen.

Die praktischen Gründe dafür nennt Schumacher nicht explizit. Er dreht es nur geschickt, indem er von dem „Ideal einer Einbindung der bildenden Künste in die Aufgaben der Architektur“ spricht. Kunst am Bau, das ist öffentliche Doktrin in Deutschland, so kommt der Bildhauer zu seinem Auftrag. Das ist ja okay und in Schüttes Fall auch von guten Ergebnissen gesegnet.

Seine, nun ja, nennen wir es auch: Modelle laden wie kaum andere zu einem Transferieren ins „echte“ Leben ein (so ist es mit „One Man House“ geschehen). Mit Schüttes Skulpturen ist das längst geschehen; sie begegnen einem geradezu regelmäßig. Der 1954 in Oldenburg geborene Künstler ist dort als Kind der Stadt mit „Mensch im Matsch“ präsent. Schumacher beschreibt anschaulich den Werdegang der Größenverhältnisse, vom kleinen Maßstab bis zu knapp sechs Meter Höhe unter freiem Himmel - die Abbildungen im Buch erzählen von dem Wandel auch im Material, von Gips zu Bronze. Im wahren Sinne des Wortes ist es nur ein kleiner Schritt zum begehbaren Kunstwerk, und Schüttes Bewunderer gehen ihn gern. Für Schütte ein normaler Zugang zu seinem Schaffen: „Obwohl er mehr gebaut hat als viele Architekten …, ist Thomas Schütte kein Architekt.“, stellt der Autor fest. Natürlich hebt er die Bedeutung Schüttes hervor, wenn sich auch das Gefühl einschleicht, der Autor stehe nicht vollends hinter jeder Einschätzung. Das mag aber auch an einigen Wiederholungen liegen, die bei einem doch recht kurzen Text ärgerliche Platzverschwendung sind.

Es folgt auf 250 Seiten ein fulminanter Überblick über das Schaffen des Künstlers, umfassend und in einer Bildqualität, die diese voluminöse Kunst besser nicht in Photos bannen kann. Von 1980 bis 2010 überspannt die Zusammenstellung die jahrzehntelange Entwicklung von Thomas Schütte. Fr Liebhaber des Künstlers ein Muss, für die, die danach suchen, mit welchem Werk er seinen Platz in der deutschen bildhauerischen Kulturgeschichte verteidigt - auch..   

Ein Wermutstropfen ist der Dank im Vorwort, das Robert Fleck, der sich „Intendant der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland“ nennt. Er dankt dem Beauftragten der Bundesregierung für die Errichtung einer Skulptur. Hat der Beauftragte sie zusammengebaut? Hat er den Maßstab 1 zu 1 entworfen? In einer Demokratie gehört sich ein solcher Dank nicht. Er hat ein G’schmäckle nach politisch zu starker Nähe und Vorteilsnahme. Das ist nicht das Land, in dem wir mit Thomas Schütte gemeinsam leben wollen.

 

Rainald Schumacher (Hg.):

"Thomas Schütte. Big Buildings"

Snoeck 2010

Gebundene Ausgabe, Englisch, Deutsch

256 Seiten, Euro 68,00

ISBN 978-3940953544

 

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Überwindung der Klischees

Eine tolle Sammlung: "Mütter, die im Bilde sind"

Von Eva Burghausen

 

Der Begriff "Mutter" ist außerhalb seiner rein faktischen Verwendung als Verwandtschaftsbeziehung besetzt, und in den modernen Industriegesellschaften hat er eine negative Konnotation. Mutter, das ist irgendetwas unpassend Nahes, eine aus der Zeit fallende Gefühlslage, die in den gewünschten Lebensentwürfen von Wirtschaft und Politik stören. Die Kraft und die Gefahr, die von der Mutter ausgeht, ist ihnen berechtigt bewusst. Die Mutter, sie kann unberechenbar sein. Nur ein kleines Beispiel aus der Gegenwart: Die Schulreformen, die die Konditionierung für die totale Marktfähigkeit des Kindes wollen. Für sie müssen die Mütter ausgeschaltet werden; sobald sie mitdenken und mitfühlen, kommt Sand ins Getriebe der kalten Planer.

Die Mutter bedroht die Marktwirtschaft, weil sie einen Bereich verteidigt, der ohne Geldtausch funktioniert. Und sie ist so ein unsicherer Faktor, den man nicht ausschalten kann, weil ohne Mütter es kein Wachstum, keinen Wohlstand geben kann. Wirtschaft und Politik sind von der Mutter abhängig, ohne ihre Funktionsweise komplett verstehen zu können. Also versucht man, Mütter zu entmündigen, erniedrigen, entrechten - eine Spezialität übrigens nicht nur der Marktwirtschaft -, Mütter sind suspekt. Sie Emanzipation hat die Mütter links liegen lassen, für erwachsene Menschen ist die Körperlichkeit von Müttern, gerade der eigenen, geradezu gruselig.

Wie also soll man heute an das Thema "Mütter" herangehen?

Thomas Blisniewski hat sich der Mütter berühmter Maler und Malerinnen angenommen. Er hat sich die Portraits angeschaut, die jene von ihren Müttern angefertigt haben. Er hat sie zeitlich sortiert und mit einer bündigen Erläuterung versehen. Ein aufregendes Buch - das Cover trifft es überhaupt nicht: Die Mutter, die sinnend Zeitung liest, strenge Geborgenheit ausstrahlend, im Hintergrund meint man die Armada von Personal schuften zu hören (es zeigt die Mutter von Mary Cassatt) -, denn im Buch finden sich Mütter von Albrecht Dürer (Bild von 1489) bis Lauren Tilden (1981) abgebildet. Was auffällt ist, dass die Künstler, die ihre Mütter darstellen, nichts beschönigen, auch wenn sie ihrer Herkunft Ausdruck verleihen wollten: Es sind erschütternd harte, verwitterte Gesichter. Durchaus  liebevoll, aber eindeutig Bilder von Schwerstarbeiterinnen. Das spiegelt sich in den Gesichtern wider. Hier schauen einen Kämpferinnen an, die viel verloren und ein bisschen gewonnen haben.

Das romantisierende Bild der Übermutter, die nette, liebende, weiche, das wird hier selten gefüttert. Die Künstler scheinen nicht überhöhen zu können, sie stellen nicht die Mutter Gottes da, sondern die Frau, die sie mit all ihren Schwächen erlebt haben. Die ihr einziger Schutz gegen die raue Welt war und darum zum Abbild dieser Rauheit wurde. Ist das bis heute so? Die Kontinuität des Mutterbildes ist ein Schock. Bin ich es, die dort zu sehen ist?

Das Buch ist eine deutlich ergänzte Übersetzung aus dem Amerikanischen. Weder die Originalautoren noch der Kunsthistoriker Blisniewski scheinen sich bewusst zu sein, was sie dort publiziert haben. Manche Kommentare sind geradezu frech in ihrer Oberflächlichkeit. Der Amerikaner James Abbott McNeill Whistler (Bild von 1871) soll "eines der besten Mutterbildnisse der Kunstgeschichte" geschaffen haben? Aber bitte! Was für ein Unsinn. Und dann noch die in einem Mutterbilderbuch irrsinnige Feststellung, es sei das "prototypische Bild der Mutter"! Was soll das?

Wir haben vorher schon Dürers schonungslose Kohlezeichnung seiner Mutter, die alles gegeben hat, schrecklich aussieht und der man trotzdem am liebsten über die eingefallene Wange streicheln möchte, wir haben die Hand von Rembrandts Mutter betrachtet, die Umsicht im Handeln und wohlige Wärme, ja, verkörpert, haben Manets Mutter kennengelernt, die man in ihrer besorgten Skepsis heute noch treffen könnte. Und nach Whistler schauen wir in Anna van Goghs heimlich-freudigen, warmen Blick, und dann in María Picasso eine sinnliche Mutter.

Man gelangt in die Moderne und muss plötzlich aushalten, womit Mütter sich Tag für Tag auseinandersetzen zu haben:  Dass sei auch nach den Geburten, diesen körperlichen Großereignissen, und der anstrengenden Versorgung kleiner Kinder sinnenfreudig und sexy sein sollen. Die schlimmste Abwertung ist ja hausfraulich zu wirken, weil niemandes Begehren mehr geweckt wird. Heute umgeben von Frauen, die nie Mütter werden und einen Part ihres Körpers nur wie Männer im Bett erleben, fällt es schwer, den für sich richtigen Weg zu finden. Wohl auch den Kunsthistorikern. Vor den letzten drei zeitgenössischen Portraits kapituliert der Herausgeber und lässt die Künstlerinnen selber zu Wort kommen. Natürlich eine Niederlage, die den Leser mit vielen Fragezeichen zurücklässt.

So sollte man diese tolle Sammlung für sich zunächst gänzlich ohne Texte aufnehmen. Sie als eine Ausstellung von Mütterbildern, die die lange Betrachtung verdienen, angehen. - Eine empfehlenswerte Ausstellung. 

 

Thomas Blisniewski (Hg.): Mütter, die im Bilde sind

Elisabeth Sandmann Verlag 2010

160 S., Euro 19,95

ISBN 978-3938045527

 

Die Rezensentin ist Publizistin und Kunstwissenschaftlerin.

 

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