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Einbilck in ein umfassendes Werk

Samuel Dangel, Sören Schmeling [Hrsg.]: "Gustav Metzger -Years without Art"

Von Bettina Meinzinger

 

 

Wer ist Gustav Metzger? Biographisches erfahren wir nur wenig in der 2012 erschienen Publikation „Years without Art“ aus dem modo Verlag. Geboren 1926 in Nürnberg, die Eltern, galizische Juden, werden nach Polen deportiert, Gustav wird 1939 zusammen mit seinem Bruder mit dem „Refugee Child Movement“ nach London gebracht. Dort wächst er auf, studiert Kunst, malt.

Dann, 1959, Abkehr von der Malerei.

Von da an ist er Archivar, Aktivist, Wissenschaftler – stets verhaftet im Kontext der Kunst.

Metzger akkumuliert Wissen und Information, erstellt Bibliographien oder sammelt und stellt Bücher zu aktuellen Themen der Zeit – Krieg, Atomenergie, Umweltschutz - aus. Immer zugänglich für möglichst jeden. Zugang zu Informationen als Prämisse für soziale Veränderung.

Metzger interessiert sich weiter für Technik und ihre Möglichkeiten. Er gründet 1969 die Zeitschrift PAGE: Bulletin of the Computer Arts Society, entwickelt Ideen zu sogenannter Computerkunst, d.h. Kunst, die von Computerprogrammen gesteuert wird. Sein wissenschaftlicher Zugang zu Kunst zeigt sich auch in der „The Chemical Revolution in Art Lecture/Demostration“ 1965 in Cambridge. Dort experimentiert er mit Flüssigkristallen (hierbei werden flüssige Kristalle zwischen zwei Glasplatten aufgetragen und an eine Wand projiziert, durch Hitze und Kälte verändern sich die Farben und Muster der Kristalle), der erste Versuch schlägt fehl – dass viele seine Kunstexperimente scheitern, nur angedacht und nie ausgeführt oder unvollendet bleiben, zieht sich wie ein roter Faden durch Metzgers Schaffen. Die Installation Stockholm June, in der die Abgase von 120 Autos so lange in einen Plastikkubus geleitet werden sollten, bis die Fahrzeuge zusammenbrechen, alternativ sollten die Autos gesprengt werden, wurde für die 1. UN-Umweltschutzkonferenz 1972 in Stockholm konzipiert, aber so nie umgesetzt. Neben dem Sammeln, Bewahren und Zugänglich-Machen von Informationen ist der Aspekt des „Zerstörens“ ein weiterer bedeutender Punkt seiner Arbeit. 1966 initiierte Metzger DIAS, das Destruction in Art Symposium. Die Fragestellung: wie entsteht aus Zerstörung Kunst? Teilnehmende waren unter anderen Peter Weibel und Yoko Ono. Impulsgebend für die Idee unter anderem Tinguelys „auto-destructive sculptures“. Autodestruktive Kunst sollte in den Augen Metzgers die (selbst-)zerstörerischen Tendenzen der Gesellschaft reflektieren.

Seine vielleicht radikalste Idee ist eine Art Manifest von 1977, in dem er Künstler zum kompletten Ausstieg aus dem Kunstbetrieb auffordert. Von 1977-1980 sollten weder Kunstwerke geschaffen noch verkauft werden, keine Ausstellungen gegeben werden. Dies sei als Antwort auf die kapitalistische Vereinnahmung von Kunst, von Kunst als reinem Mittel der Unterhaltung und Ablenkung, zu sehen. Nach dieser „reinigenden“ Phase von drei Jahren, in denen der Kunstmarkt idealerweise zusammengebrochen wäre, könnten sich Künstler an die Neugestaltung von Kunst machen. Kunst als Instrument, etwas zu bewegen, anstatt nur Investitionsgegenstand zu sein. 

In den 1980ern betätigt sich Metzger vor allem als Kunsthistoriker. Der aus dieser Zeit stammende Aufsatz über den jüdischen Künstler Simon Schames bleibt jedoch unvollendet.

2003 entsteht eine Videoarbeit zum Irakkrieg, 2006 zeigt er einen Beitrag zum Thema Treibhauseffekt auf der Art Basel. Zuletzt war Metzgers Werk auf der documenta 13 zu sehen. Eine späte Würdigung des heute 87-Jährigen.

„Years without Art“ ist eine, besonders auch formal, gelungene Kompilation zahlreicher Dokumente, von Zeitungsausschnitten bis hin zu handschriftlichen Notizen Metzgers, die einen Einblick in das umfassende Werk eines bis heute engagierten Künstlers geben. Metzger macht nicht Kunst um der Kunst willen, sondern verfolgt immer einen Zweck. Wie gelungen oder nicht dies im Einzelnen ausfällt, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.

 

Samuel Dangel, Sören Schmeling [Hrsg.]:

"Gustav Metzger -Years without Art"

Modo Verlag, Freiburg 2012

160 S., 22,00 Euro

ISBN 978-3868331011 

 

 

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Für Märchenliebhaber

Nikolai Rainow/Nicole Riegert: Die Braut des Vampirs

von Bettina Meinzinger

 

Wie schön Bücher sein können. „Die Braut des Vampirs“, ein bulgarisches Kunstmärchen, ist mindestens auf dreifache Weise schön: der schaurige, traumwandelnde Text, die zarten, spooky Zeichnungen von Nicole Riegert und die Haptik, herbeigeführt durch eine spezielle Art der Bindung, bei der die Bögen nur auf einer Seite bedruckt und dann in der Mitte gefaltet werden. All dies weiß zu betören.

Natürlich gibt es da eine Prinzessin … sie ist jung, so jung, dass niemand sie heiraten möchte. Doch dann hält eine schwarze Kutsche vor dem Schloss und heraus steigt ein junger Fürst aus einem Land, „in dem ein halbes Jahr Tag und ein halbes Jahr Nacht herrscht“, dessen eine Gesichtshälfte schwarz, die andere weiß ist. Er bittet um die Hand der jungen Prinzessin. Sie sagt: „Mag er gut oder böse sein, ich nehme ihn.“ Eine Woche darauf kommen die Eltern des Bräutigams, um die Prinzessin mit in ihr Reich zu nehmen, begleitet von einer Zwergin und dem Teufel. Bekümmert folgen ihre Schwestern, verwandelt in Schmetterlinge, und ihre Brüder, verwandelt in Fledermäuse, der jungen Prinzessin in das unheimliche Königreich nach, wo sie sich in Stein verwandeln. Die Prinzessin indes entdeckt, dass unter den sieben Häuten des Fürsten, des Vampirs, ein schmerzhaft schöner Jüngling verborgen ist.

Wer Märchen kennt, wird erahnen können, wie die Geschichte weitergeht. Wer Märchen und schöne Dinge liebt, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt.

 

Nikolai Rainow/Nicole Riegert:

Die Braut des Vampirs

kunstanstifter Verlag, 2012

72 S., 24,80 Euro

ISBN 978-3942795067

 

 

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Scherenschnitte

Antoine Guilloppé: Die Sonne Afrikas

Von Anne Spitzner

 

„Die Sonne Afrikas“ ist ein Bildband der besonderen Art von Antoine Guilloppé. Es geht darum, wie die Savanne morgens erwacht, wenn die Sonne aufgeht. Der junge Issa macht sich auf den Weg zu einem Ziel, das erst am Ende des Buches verraten wird. Viele Worte aber werden nicht gemacht; diese Rezension hat mehr davon als das ganze Buch. „Die Sonne Afrikas“ lebt vielmehr von den schwarz-weißen Scherenschnitten, mit denen Guilloppé es illustriert hat; man sieht Geparden, Giraffen, Gazellen, Nashörner und ein Krokodil, das den Weg des jungen Massai Issa kreuzt, das einzig Farbige ist die goldene Sonne Afrikas, die über der Savanne aufgeht.

Die Texte sind, wie gesagt, sehr knapp gehalten und dienen nur dazu, die Bilder zu unterstreichen. Sie erzählen von den verschiedenen Tieren, die in der Savanne erwachen und Issa begegnen, und am Ende von Issas „zarter Liebe“ zu seiner namenlos bleibenden Liebsten, die im „goldenen Licht der Sonne“ wie „süßer Honig“ wirkt. Diese poetische Keule trifft einen am Ende des letzten Satzes etwas unerwartet, hat man sich vorher doch viel eher auf die Bilder konzentriert. Diese allerdings bieten viel Platz zum Staunen, Fühlen und Träumen von der Sonne Afrikas, deren Wärme in den schwarz-weißen Bildern ganz besonders zum Tragen kommt. Die Scherenschnitte lassen sich von beiden Seiten betrachten, von einer Seite schwarz auf weißem Grund, von der anderen Seite weiß auf schwarzem Grund, und dieser Wechsel der Farbe sowie der Seiten macht manchmal ein ganz anderes Bild daraus. Man kann sich also durchaus eine Weile mit diesem Buch beschäftigen; ob das allerdings einen Preis von 22,00 € rechtfertigt, muss jeder selbst für sich entscheiden (hergestellt wurde es übrigens in China).

Für Kinder eignet sich dieses Buch zwar inhaltlich, kurze Texte und schöne Bilder, auf denen es viel zu entdecken gibt, doch Kinder setzen sich mit ihrer Welt ja vor allem haptisch auseinander, und das könnte bei den Scherenschnitten zu offensichtlichen Problemen führen. Hier ist auch der Einband ein Manko, auf dem ein (wunderschöner) Löwe im Licht der aufgehenden Sonne abgebildet ist, aber leider ebenfalls als Scherenschnitt, sodass der Einband überall hängenbleibt und es kaum möglich ist, das Buch ins Regal zu stellen, zumal das Buch ein nahezu quadratisches Format von etwa 30x32cm hat, das die Unterbringung in gängigen Bücherregalen ohnehin erschwert.

Insgesamt ist „Die Sonne Afrikas“ eine künstlerische, schön bebilderte Idee, bei der es Spaß macht, sie anzuschauen.

 

Antoine Guilloppé:

Die Sonne Afrikas

Knesebeck 2012

40 Seiten, Euro 22,00

ISBN: 978-3868735086

 

 

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Kunst das Knast oder kann St. Mich mal?

Sandra Danicke: „Kunst versteht keine Sau …“

Von Daniel Ableev

 

Die zeitgenössische Kunstszene mit ihren experimentellen Scheißhaufen ist ein bisschen wie die überaus dichten Augenbrauen einer Nebenfigur aus „Breaking Bad“, welche – so der lakonische Kommentar von Bob Odenkirk in der Rolle von Edelschmuddlor Saul Goodman – „won’t stop“, sprich: endlos sind. Und die zeitgenössische Kunstszene schämt sich nicht mal dafür – was schon ein bisschen arg sein kann. Auf jeden Fall ist die Welt der Kunst, welche 2011 keine Sau interessierte (so der Titel von Danickes Vorgängerband) und 2012 keine Sau versteht, von Mensch ganz zu schweigen, wirklich krass-fantastisch & „ur-igel-0“ & weit & breit (keine Zeit, um alles abzuscannen). Was das 20./21. Jahrhundert uns an Kunstkonzepten und Konzeptkünstlern geschenkt haben, ist so vielseitig und spannend, dass wir zum wirklichen Verstehen eigentlich gar keine Gelegenheit haben, weil wir viel zu sehr mit Staunen beschäftigt sein dürften. Daher ist dieses kleine Bilderbuch, das uns mit einigen wirkungsvollen Skulpturen, Fotoarbeiten und Installationen meist aktueller Künstler bekannt macht, eine schöne Einstiegslektüre für den Kunstamateur. Die Autorin, eine promovierte Kunstwissenschaftlerin, klärt mit Humor und Respekt vor der großen Unbekannten Kunst/Künstler über einige aufregende Konzeptarbeiten auf. Oft geht es um doppelbödige Ununterscheidbarkeiten zwischen Wahr- und Fiktion (Peter Fischli/David Weiss), Sinn und Wahn (Anna & Bernhard Blume), Scherz und Ernst (hier allerdings nicht Max). Künstler, vor allem Konzept- und Aktions-, sind schon echt gestörte Säue, die ganz genau wissen, wie man das System subvertiert, wobei mit „System“ ach so vieles gemeint sein kann. Was für Schläuen und Intelligenzijae, aber auch rein handwerkliche Begabungen (Kunst kommt ja von Können) hier am Werk sind, das vermag doch schon sehr zu fesseln. Dem System „Kunst“ einen Strich durch die Rechnung machen kann man allerdings auch heute nicht viel frappanter als damals, 1915, mit den Schwarzen Suprematismen von Malewitsch (Nomen est Omen).
Auch kommen lauter elektronische Spielereien bei heutigen Projekten zum Einsatz, teilweise richtig anspruchsvolle Computertüfteleien sorgen für interaktive Kunstviecher – etwa diverse Männchen-Manipulationen des im vorliegenden Buch nicht erwähnten, aber dennoch erwähnenswerten Videokünstlers Gabriel Barcia-Colombo –, die wahlweise albern, erschütternd oder erstaunlich nullig sein können.
Vor rund zehn Jahren hatte ich selber mal die Idee für ein interaktives Kunstwerk: eine große, hochauflösende, weiße Touchscreen-Fläche, und darauf ein einzelnes, hyperrealistisch animiertes Haar, das man dann als Galerie-Besucher wegzuwischen versuchen kann. Wahrscheinlich gibt es das aber schon längst als Smartphone-App für 39 Cent – ich bin da nicht auf dem neusten Stand. Jedenfalls darf man sehr darauf gespannt sein, welche Formen Kunst in 10, 30, 1003 Jahren annimmt. Ich bin ziemlich sicher, dass technologischer Fortschritt mittel- bis langfristig für so manche Sophistication und den einen oder anderen massiven Jawdropper sorgen wird.

 

Sandra Danicke:

„Kunst versteht keine Sau …“

Belser 2012

64 Seiten, Euro 16,95

ISBN: 978-3763026135

 

 

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Frivole Freude

"Vermeer: Das Gesamtwerk. Jubiläumsausgabe 175 Jahre Belser"

Von Cay Meyer

 

Es war eine Riesenausstellung, die den Vermeer-Hype in den 90er Jahren auslöste. Man pilgerte nach Den Haag und sah Bilder, wie man sie so nebeneinander und den ganzen Vermeer zeigend noch nie gesehen hatte. Das Bildungsbürgertum war begeistert und beklatschte sich selber für seine Horizonterweiterung. Man kannte nun nicht nur Rembrandt (dem Vermeers Bilder übrigens gern mal zugeschrieben worden waren.), auch Vermeer, in Deutschland Jan mit Vornamen geheißen (laut Delfter Taufurkunde Johannes.)

Jenes Bildungsbürgertum verschwindet zusehends von der Bildfläche oder ist am Rollator, seine Werte in die nächste Generation weitergetragen hat es kaum. Allein gelassen sind wir mit der Frage, wie das, was gut ist, auch jüngere Geister begeistern kann?

Um die Bilder live zu sehen, müsste man schon in Deutschland viel herumfahren. „Das Mädchen mit dem Weinglas“, verführerisch, faszinierend, hängt in Braunschweig (eine Stadt als Gegensatz zum Bild), „Junge Dame mit Perlenhalsband“, schön, metaphorisch (hängt in Berlin)... lassen wir das, irgendwann kommen noch nach den Niederlanden die USA dazu.

Jedenfalls ist Vermeer auch etwas für junge Betrachter - unbedingt sogar! Sie können die Lebenslust, die frivole Freude, das völlig Unbiedere seiner Kunst am besten verstehen.

Das Buch „Vermeer. Das Gesamtwerk“ fächert in Texte und vielen Bildern und Bilddetails die Vielschichtigkeit des Künstlers auf. Es ist das ultimative Begeisterungspaket für Vermeer und rückt diesen wunderbaren Künstler auch für Nicht-Frühgealterte in grell-gutes Licht. Es gibt jetzt eine katastrophal günstige Sonderausgabe -gebundenes Buch!- für nur Euro 19,90, die sich verdammt lohnt.     

 

Arthur K Wheelock:

"Vermeer: Das Gesamtwerk. Jubiläumsausgabe 175 Jahre Belser"

gebunden

229 Seiten, Euro 19,95

ISBN 978-3763025602

Format 31,4 x 24,6 x 2,4 cm

 

 

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audioguides - der Horrortrip

Ohne eigene Gedankenströme

Von Berit Scholz

 

Audioguides - diese Kopfhörer mit einem Sprecher darin, der die Kunstwerke erklärt- audioguides breiten sich flächendeckend aus und gehören zugleich dennoch schon längst auf den Müll der Museumsgeschichte. Heute ist es fast ein Kampf geworden, auf die Beschallung zu verzichten, das Personal im Museum rennt noch hinter einem her, wenn man einfach so, ganz nackt an den Ohren, in die Ausstellungssäle tritt. Und erst mit Kindern! Die müssen ja etwas aufgepfropft bekommen, sonst scheint ihre Auffassungsgabe gegen null zu tendieren, meinen die Erwachsenen. Was für Museumsbesucher, was für Museumsleute erst, die nicht mehr auf das Visuelle vertrauen!

Man möchte im Sinne des Wortes schwarz sehen für die Zukunft. Irgendwann wird die Hängung nach den günstigsten Vorgaben durch die audioguides bestimmt. Und was dort nicht gesagt wird, existiert nicht; die Gehirnwäsche durch audioguide-Konzipierer. Aber Kunst rüttelt nur auf -auch sehr alte Kunst- wenn man sie für sich betrachtet und sich den eigenen Gedankenströmen hingibt, der die Assoziationen leben lässt. Kunst ist das Gegenteil von audioguide!

Aber man will doch nur den Museumsbesuch angenehmer gestalten, auch gewinnbringender, werden die Befürworter sagen. Aber auch hier wird leider nur das Gegenteil erreicht. Der ganze Rhythmus von Menschen, die im Museum Bilder anschauen, wird durch den audioguide durcheinandergebracht. Alle verweilen gleich lang vor den gleichen Bildern (oder auch gleich kurz); ein Schrecken intellektuell wie praktisch.

Und aus irgendwelchen dunklen psychologischen Gründen findet der Museumsbesucher, er habe das Recht, so lange und direkt vor einem Bild zu stehen, rücksichtslos gegenüber den anderen Besuchern, bis der audioguide fertig ist.

Das Audioguide-Museum ist ein Horrortrip. Und es vertreibt diejenigen Besucher, die ein Museum unbedingt braucht.

 

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Ein kriminalistischer Gesellschafts-Künstlerroman der Postmoderne

Michel Houellebecq (übersetzt von Uli Wittmann): „Karte und Gebiet“

Von Iris Kersten

 

Seite 145. Ein Drittel ist geschafft. Ein Kritiker (in diesem Falle ich)  kämpft sich gerade durch einen postmodernen Roman und braucht erst einmal eine Lesepause.

Der aktuelle Stand der Dinge nach schon erwähntem Drittel ist der:

Der erklärende erste Teil endet auf Seite 117. Wir wissen nun um den Titel des Buches: Der Künstler Jed Martin, der nach dem Kauf einer Michelin-Straßenkarte ein Liebe-auf-den-ersten Blick-Erlebnis hat (mit eben jener Karte), fotografiert von nun an Straßenkarten (nur von diesem einen Hersteller) und vergleicht sie mit Satellitenbildern. Olga, Mitarbeiterin für Pubic Relations bei Michelin, wird auf ihn aufmerksam und sorgt dafür, dass Jed berühmt wird. Die beiden werden ein Paar, solange bis Olga wieder zurück nach Russland versetzt wird. Es gibt Rückblicke in Jeds Kindheit, Philosophien über die Malerei und das Fotografieren, durchzogen mit des Künstlers Selbsterkenntnissen.

Dabei ist die Darstellungsweise nicht unoriginell:

„Ich ...“,  krächzte er mit nicht wiederzuerkennender Stimme. Olga wandte sich um und merkte, dass die Sache ernst war, sie erkannte sofort diesen verblendeten Blick, die Panik des von Begehren völlig überwältigen Mannes [...]“,

aber häufig sehr minutiös und folglich langatmig geschrieben:

„Olga entschied sich für Gazpacho mit Rucola und einem halbgar gekochten Hummer mit Yamswurzelpüree, Jed für ganz kurz in der Pfanne angebratene Jakobsmuscheln und ein Steinbuttsoufflé mit Kümmel und Edelcrassaneschaum.“

Dieser Roman hat den Prix Goncourt erhalten, den bekanntesten  Literaturpreis, der seit 1903 das beste erzählerische Werk auszeichnet, das im laufenden Jahr in französischer Sprache erschienen ist. Oh, ja. Houellebecq erzählt viel, aber ich bezweifle, dass der Roman in der Originalversion poetischer, geschweige denn kurzweiliger wird.

Durch einen Zufall (er sieht Pinsel und Farben in einem Schaufenster) ist Jed Martin nun übrigens von der Fotografie zur Malerei übergegangen mit dem Ziel, „ein erschöpfendes Bild des produktiven Sektors der Gesellschaft seiner Zeit zu liefern“ (Fotografen verachtet er jetzt wegen ihres Mangels an Kreativität), was uns zum zweiten Teil führt: Martin trifft auf Houellebecq:

Hier gibt es nun Selbstreflektionen des realen Autors über den fiktionalen Namensverwandten „Es war allgemein bekannt, dass Houellebecq ein Einzelgänger voller Menschenverachtung war, [...]“ oder „„Ich hab den Eindruck, dass Sie sich selbst persiflieren.“

„Ja, das stimmt“, räumte Houellebecq erstaunlich spontan ein, [...]“

Und das ist wohl die Idee des Buches: sich selbst zu persiflieren.

Houellebecq (der Charakter) ist ein schmuddeliger Eigenbrödler, der normalerweise den Tag im Bett verbringt und dabei Zeichentrickfilme anschaut. Für den Katalog von Jeds Kunstausstellung soll er ein Vorwort schreiben. Als Bezahlung dafür erhält er sein eigenes, von Jed angefertigtes Portrait. Die Ausstellung wird unter anderem Dank Houellebeqcs Vorwort (er hatte den systematischen, theoretischen Charakter von Jeds Vorgehensweise hervorgehoben und so verhindert, ihn mit Anhängern der neuen figurativen Malerei in einen Topf zu werfen...) zu einem vollen Erfolg, und Jed Martin wird zu einem fünfzehn Millionen Euro schweren Mann.

Auf den nächsten 60 Seiten trifft Jed seinen Vater zu Weihnachten, geht zu einer Feier bei Jean-Pierre Pernaut, begegnet erneut Olga und bringt Houellebecq sein Portrait.

Hier (auf Seite 261) beginnt der dritte Teil (in Form eines Kriminalromans), in dem es um die Ermittlungen des Mordes an Houellebecq und seinem Hund geht (beide in Stücke geschnitten und in der Wohnung verteilt).

Im Epilog wird dann der Fall gelöst (das Motiv ist, wenn auch nicht überraschend, dennoch sehr originell) und das ganze endet in einer postkapitalistischen Utopie: „Die Vegetation trägt den endgültigen Sieg davon.“

Das Metzler Lexikon der Literatur- und Kulturtheorie schreibt unter anderem über die Postmoderne: „Vor allem Film und Literatur reflektieren ein verändertes Verständnis von Kunst als Experimentierfeld eher denn als Sinnfindungsinstanz, [...]“ Und das ist dem Autor gelungen. Houellebecq beschreibt und reflektiert, und zwar mit einem Unterton, der vielleicht beim ersten Lesen ironisch wirkt, es aber in Wirklichkeit gar nicht ist. „Wir sind sowieso an einem Punkt angekommen, wo der Markterfolg jeden Mist rechtfertigt, [...]“ Dabei geht es um Themen wie Kunst, Geld, Arbeit, Wirtschaft, Beziehungen, Liebe und Tod. Der Autor hat einen postmodernen künstlerischen Gesellschaftsroman beziehungsweise einen gesellschaftlichen Künstlerroman (in dem dann auch noch ein Mord geschieht) geschaffen. Hat man also seine Freude an einem Buch im Sinne eines Experimentierfeldes, das das Leben in der heutigen Gesellschaft  und vor allem den Kunstbetrieb in seinen Details beleuchtet und kritisiert, dann ist dieses bestimmt das Richtige.

 

Michel Houellebecq: „Karte und Gebiet“

Dumont Buchverlag 2011

416 Seiten, 22,99 Euro

ISBN: 978-3832196394

 

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Im Eigeninteresse

Die deutsche Wirtschaft muss sich für Ai Wei Wei einsetzen

Von Berit Scholz

 

Je länger es währt, desto dramatischer wird es. China ist eine Diktatur, so bösartig wie Diktaturen sind. Jede wirtschaftliche Kooperation mit dem Land stützt die Tyrannen und stärkt das Empfinden, dass Diktatur etwas ganz Normales ist. Der Künstler Ai Wei Wei ist einer unter vielen. Er ist missliebig, man lässt ihn verschwinden. Es passiert tausendfach.

Und es ist schrecklich, Deutschland nach der Aufarbeitung von zwei Diktaturen weiß das. Bautzen steht dafür, und man weiß, was für ein seine Bürger drangsalierendes System Bautzen möglich machte. Dünn sind die Reaktionen aus Deutschland, aus der immer autarker agierenden Wirtschaft hätte einiges zu Ai Wei Wei an Deutlichem kommen müssen. Die deutsche Wirtschaft hat ihren Lobbyismus auf alle politischen Bereiche ausgedehnt -sogar auf Bildung und Familie!- und hat sich abgekoppelt von den ihnen dienenden Politikern. Daraus entsteht auch eine neue Verantwortung; nicht genuin wirtschaftliche Themen wurden ökonomisiert - nun ist das Übernehmen von moralischen Verpflichtungen zu verlangen. Die Vertreter der deutschen Wirtschaft haben eine Beziehung herzustellen zwischen ihrem Geldverdienen und dem Unrechtssaat China.

Die deutsche Wirtschaft ist abhängig von einer freien Marktwirtschaft. Jede Einschränkung bedroht sie in ihrer Existenz, selbst wenn sie es nicht sofort spürt. Jede Regulierung, jeder geschützte Markt, jeder Staatseingriff ist Gift für sie. Ihre Stärke ist der Freiraum, in dem sie handelt. Überall dort, wo in Deutschland freiheitliches Leben verhindert wird, liegen die Risken für die Wirtschaft, selbst wenn sie mit Wirtschaft vordergründig gar nichts zu tun hat. Diejenigen, die für die Kooperation deutscher Unternehmen in China sprechen, müssen sich dieser komplizierten Zusammenhänge bewusst sein. Es sollte klare Forderungen, penetrant dauerhaft vorgebracht, an die Diktatoren geben. Für Wirtschaftler zählt das Eigeninteresse. Hier ist es verlangt.

 

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Der Museumsshop

Schafft ihn ab!

Von Berit Scholz

 

Quadratmeter sind in Städten, die sich würdige Museen leisten -Museen also mit sehenswertem Bestand und anspruchsvoller Präsentation, Museen, die keine Indoor-Beschäftigungstherapiezentren sind, die ernsthafte Besucher wünschen und nicht Eventhedonisten, Museen, die Fragen nach kultureller Positionierung stellen- Quadratmeter sind dort teuer, und wie sie genutzt werden, ist Ausdruck der Wertschätzung, die ein Museum seinen Besuchern entgegenbringt. Eine Art Zeugnis, das dem Besucher sagt, wie ihn die Museumsbetreiber einschätzen.

Die begrenzte Menge spielt dabei nicht die Hauptrolle, sondern die Art, wie dieser bedeutsame und der Öffentlichkeit zustehende Raum den Menschen zur Verfügung gestellt wird. Es ist offenbarend für diejenigen, die ihre Zeit hergeben, um ein Museum aufzusuchen, dass ihnen, kaum eingetroffen, ein Museumsshop zugemutet wird.

Das Verlassen der Fußgängerzonen und Shoppingmalls ist ein bewusst gewählter Vorgang, eine Bewegungsrichtung, die Menschen in Ernsthaftigkeit und mit Fokussierung einschlagen. Allein, dass Heranwachsende dem Konsum entzogen und einer Klarheit, die durch Kultur hergestellt wird, hingegeben werden, sollte ein Warnschuss für Museumsmacher sein. Wer diese Menschen, die in Seriosität einen Museumsbesuch vor allem anderen vorzieht, in Stilnippes, in Pseudo-Design-Plunder, in innenarchitektonischer Manipulation  versinken lässt, der ist seiner Aufgaben nicht gewachsen.

Museumsshop - das ist die nun schon Jahre andauernde Fehlentwicklung einer Kulturpolitik: Museen sollen nichts kosten und selber möglichst viel erwirtschaften. Willfährig ergaben sich die Museumsleute, die Fundraiser in Sachen eigene Karriere, darein und fanden tolles Geld einspielende Shops eine geniale Idee. Die Entwicklung, dass Kulturshopper kommen und Kultivierte wegbleiben, geht an den Direktoren und Kuratoren völlig vorbei. Die selbstverständliche Erkenntnis, gar nicht wirtschaften zu können, weil Museen zu Hundertprozent unterstützt werden müssen, scheint für sie eine Erschütterung zu sein.   Museumsshops und ähnliches bietet Politikern den Vorwand, Museen auf eigene Einnahmen zu verweisen. Mit dem Versuch, kommerzielle Erfolge zu erzielen, schaufeln sich Museumsleute ihr eigenes Grab.

 

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Freuds Freuden

Von Isabella Marboe

 

Ob Freud mehr Freud oder Leid an den Neurosen seiner ur-österreichischen, vor allem bürgerlichen Wiener Klientel hatte, sei dahingestellt. Katholizismus, Kadavergehorsam, vordergründige Freundlichkeit, korrekte Umgangsformen, Schuldgefühle und Anflüge von Selbstherrlichkeit bildeten jedenfalls ein ideales Biotop für behandlungswürdige Seelenzustände aller Art. Freud war sein Leben lang damit beschäftigt, das Dreigestirn aus Ich, Es und Über-Ich, das in stetem inneren Kampf um die Vorherrschaft in hiesige Seelen nie zur Ruhe kommen ließ, in eine labile Balance zu bringen.

Dieses Chaos aber ist systemimmanent und zieht sich bis heute durch alle Bereiche. Kaum eine Kulturleistung ohne die hohe Kunst der Sublimation ureigenster Grundbedürfnisse. So gesehen, bildet die Architektenschaft eine lohnende Zielgruppe zur Feldforschung auf der sprichwörtlichen Couch. Besonders zeigt sich das am Umgang mit historischer Bausubstanz, wo neben dem obigen Konflikt auch der Kampf zwischen dem Respekt vor der Tradition mit dem Bekenntnis zum Zeitgenössischen tobt. Letzteres läge nahe, den Klassiker aus der Berggasse gegen ein ergonomisch fließend designtes Modell auszutauschen. Andererseits ließe sich das als Vatermord interpretieren: gleichsam eine Auslöschung des Originals und seiner  suggestiven Wirkung: Schließlich tragen seine Fasern noch die Spuren der Erkenntnis diverser Sitzungen bzw. Liegungen in sich.

Es bietet eine einmalige Projektionsfläche und als Spiegel der Vergangenheit die Möglichkeit zur Reflexion. Ganz abgesehen davon, steht immer noch die Frage im Raum, ob eine gewisse Härte des Sitzgefühls nicht auch therapeutisch wirkt. Als Seismograph zum Erkennen masochistischer, zwangsneurotischer oder überangepasster Tendenzen, zum Beispiel. Die Fragestellung nach dem angemessenen Umgang mit den Freudschen Couch-Möbeln trägt den Zwiespalt zwischen Vatertreue und Fortschritt schon in sich. Er lässt sich problemlos aufs Analysanden-Kollektiv der Architektenschaft übertragen, das sich im ständigen Kampf des Abwägens zwischen Alt und Neu, hohem Anspruch und profaner Wirklichkeit, dem Schaffenstrieb des kreativem Schöpfer-Gottes und der Überwindung des triebgesteuerten inneren Schweinehunds befindet.

Erschwerend kommt dazu, dass am Weg zur Realisierung nicht nur das kaum zu unterschätzende Ego des Planers und dessen Über-Ich, sondern auch noch die diversen Egos und Über-Ichs von Bauherren, Beamten, Sachverständigen und Professionisten auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen und mit profanen Fakten wie Bauordnung, Budget, Zeit und Nutzerwünschen abzugleichen sind. So gesehen, ist es mehr als erstaunlich, dass bisher je ein Bauwerk das Licht der Welt erblickte, was zwei Rückschlüsse zulässt: eine verpflichtende Supervision für Architekten ist überfällig – oder überflüssig.

Der Bautrieb scheint den Sieg über das Über-Ich davonzutragen, über die ungeborenen „Kinder“ freilich schweigt die Chronik. Was nahe legt: Darwin siegt über Freud, der Stärkere setzt sich durch. Damit kann im Geburtsland der Psychoanalyse das letzte Wort noch nicht gesprochen sein: Fortsetzung folgt.

 

Isabella Marboe ist Architekturkritikerin in Wien

 

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Für Kompetenz bestraft – im Unterschied zur Bankenwelt

Das Zentrum für Kunst und Medientechnologie im Strudel der Finanzpolitik

Von Peter Weibel

 

Vor kurzem ist das letzte reale »mediagramm« aus dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe erschienen. Es hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich: In den 20 Jahren seines Bestehens hat es sein Format, seine Funktion und seinen Inhalt mehrmals geändert. Aus einer großformatigen Zeitschrift wurde langsam eine Programmzeitung und schließlich eine Inhaltsangabe des Programms des ZKM. Von einem Maxi- zu einem Mini-Format wandelte sich das Aussehen, aber der Inhalt schwoll an, von ursprünglich sechs Seiten auf 60 Seiten. Es ist interessant zu sehen, wie früh bereits Inhalte, Themen und Personen auftauchen, die das ZKM bis heute begleiten und prägen. Nach dem 10-jährigen Jubiläum des ZKM im Hallenbau 2007, nach dem 10-jährigen Jubiläum des ZKM | Museum für Neue Kunst 2009 und dem 20-jährigen Jubiläum der Gründung des ZKM 2009, feiern wir nun das Jubiläum des 20-jährigen Bestehens des »mediagramm«, und just im Jubiläumsjahr erscheint aus mehreren Gründen das letzte »mediagramm«.

 

Der Karlsruher Gemeinderat hat Mitte 2010 eine Kürzung des kommunalen Kulturetats angekündigt. Für eine Stadt, die sich 2004 berufen fühlte, sich als Europäische Kulturhauptstadt zu bewerben, ist das beschämend und wirft die Frage auf, wie ernst gemeint diese Bewerbung tatsächlich war. Denn die Kulturaktivitäten der Karlsruher Institutionen sind weltweit bekannt und tragen maßgeblich zum Marketing der Stadt im In- und Ausland bei. In dem Augenblick, da auch überregional bestätigt wird, dass Karlsruhe sich zur Kulturhauptstadt in Baden-Württemberg entwickelt hat (siehe das auflagenstarke Kunstmagazin »art« vom August 2010: »Karlsruhe auf der Überholspur« sowie die Zeitung »kunst:art« vom September/Oktober 2010: »Bewährtes und Neues. Die Kunstszene in Karlsruhe«), verweist der Gemeinderat die Karlsruher Kultureinrichtungen zurück auf die »Kriechspur«.

Die vom Gemeinderat vorgeschlagenen Kürzungen des Budgets des ZKM in der Höhe von €375000  jährlich ab 2011 bedeuten aufgrund der Komplementärfinanzierung des Landes eine reale Kürzung um €750000. Das Budget des ZMK besteht in der Hauptsache aus Personal-, Gebäude- und Programmkosten. Am Unterhalt und Erhalt des Gebäudes und an den daraus entstehenden Kosten kann nicht gespart werden. Auch bei den Personalkosten kann kurzfristig nicht gespart werden, denn betriebsbedingte Kündigungen wären erstens unethisch und hätten zweitens langjährige juristische Auseinandersetzungen zur Folge, die ebenfalls nicht kostenlos blieben, und würden drittens einen Verlust von ZKM-spezifischer Kompetenz bedeuten. Zudem bin ich kein Manager in der Wirtschaft, der sich für Personalentlassungen durch hohe Boni belohnen läßt, der also durch das finanzielle Unglück anderer sein finanzielles Glück steigern möchte. Es sind also nur Kürzungen im Programmangebot und in der Programmvermittlung möglich.

Nun ist das ZKM bereits seit seiner Gründung stark unterfinanziert. Der Wissenschaftsrat hat im Jahre 2003 dem ZKM bescheinigt, einerseits in der Weltklasse zu agieren, aber andererseits unterfinanziert zu sein und hat dringend eine Erhöhung des Etats empfohlen. Leider ist das Gegenteil eingetreten, und das ZKM musste bereits in den Vorjahren eine Kürzung hinnehmen. Deswegen hat sich das ZKM für seine Programmplanung eine erfolgreiche multiple Finanzstruktur vorgenommen und realisiert: die meisten Projekte werden durch Sondermittel, Drittmittel und Fremdmittel bis zu 50 Prozent und bis-weilen sogar mehr kofinanziert. Die Ausstellungen »banquet_nodes and networks. Netzkultur in Spanien« (2009) und »Der Diskrete Charme der Technologie. Kunst in Spanien« (2008–2009) wurden vom Katalog bis zum Transport und den Geräten fast zur Gänze vom spanischen Staat bezahlt, nachdem das ZKM die notwendigen Ressourcen und technische Kompetenz für die Präsentation und den Betrieb der Ausstellungen zusichern konnte. Ebenso wurden Transport- und Katalogkosten der Ausstellung »Neue Asiatische Kunst. Thermocline of Art« (2007) komplett von unseren asiatischen Partnern übernommen. Natürlich gibt es auch Ausstellungen wie »IMAGINING MEDIA @ZKM« (2009–2011), die zur Gänze vom ZKM finanziert werden. Aber im Prinzip sind die Forschungsprojekte und Produktionen, die Austellungen und Veranstaltungen des ZKM finanziell so strukturiert, dass die Eigenmittel durch Fremdmittel (sei es die Bundeskulturstiftung, private Firmenstiftungen, EU-geförderte Forschungsprojekte) kofinanziert werden, sonst könnten wir das Niveau und die Reichhaltigkeit des Programms gar nicht halten. Mit einem Wort, die Kürzung um €750 000 würde in Wahrheit eine Kürzung bis zu €1,5 Mio. für das Progammbudget bedeuten. Es ist eine der größten Leistungen des Teams und der Direktion des ZKM, diese äquifinanzierte Budgetstruktur im Forschungs- und Programmbereich durch seine Kompetenz zuwege gebracht zu haben, die nun durch die Politik gefährdet wird. Das ZKM wird also für seine Leistung und Kompetenz bestraft, während die Finanzwelt für ihre Malversationen und Inkompetenz belohnt wird. Da das ZKM keine Bank ist, für die der Staat Rettungsschirme aufspannt, wenn sie sich mutwillig verschuldet, muss also das ZKM am Programm sparen – und an der Programmvermittlung. Das betrifft die gesamte Presse- und Marketingabteilung, aber auch die Museumspädagogik und – kommunikation.

In der digitalen Gesellschaft bilden bekanntlich nicht nur die klassischen Printmedien, sondern in zunehmendem Maße auch die Online-Medien die Sphäre der Öffentlichkeit. Als kulturelle Institution müßte das ZKM beide Medien bedienen, um damit alle regionalen und internationalen Zielgruppen zu erreichen. Durch die latente Unterfinanzierung ist das ZKM in den letzen Jahren in beiden Bereichen ohnehin nicht sehr präsent gewesen. Die drohenden  Kürzungen zwingen uns nun, einen der Bereiche für den anderen aufzugeben.

Das ZKM wird also einen Großteil der Aktivitäten dieser Abteilungen und Bereiche von nun an nicht wie bisher in den Printmedien verwirklichen, sondern die Presse- und Marketingabteilung unter dem Namen »Online-Kommunikation« zusammenfassen und seine Werbung, seine Ankündigungen, seine Programmvermittlung auf Online-Medien konzentrieren. Das ZKM wird die Auswirkungen dieser Umstellung, z.B. des Verzichts auf das gedruckte »mediagramm«, genau beobachten. Wir hoffen, dass die Abschaffung der öffentlichen Kommunikation mittels Papier und Print und deren Ersetzung durch Online-Medien keinen Besucherverlust bedeutet und nur die erzwungenen Spareffekte erzielt. Sollte das Gegenteil der Fall sein, sollten die anstehenden Kürzungen die mediale Präsenz des ZKM schwächen und damit auch die Besucherzahlen senken, wäre das eine bedauerliche Folge der Kürzungen, die die Politik zu verantworten hat.

 

Nachtrag:

Aufgrund fachlicher Diskussionen mit den Fraktionen der Parteien des Gemeinderates Karlsruhe und mit Hinweis auf die Fakten, Daten und Strukturen, die ich in diesem Mediagramm-Vorwort aufgelistet habe, ist es gelungen, die Politik zu überzeugen, dass eine Kürzung des Kulturbudgets im Jahre 2011 nicht möglich ist. Die Stimme der Vernunft ist gehört worden und die Politik selbst hat vernünftig entschieden und in einer Presseerklärung alle Kürzungen des Kulturbudgets zurückgenommen, so dass auch in der Stiftungsratssitzung vom 12. November 2010 der Vorsitzende und Oberbürgermeister der Stadt Karlsruhe, Herr Heinz Fenrich, offiziell das ZKM für das Jahr 2011 von Kürzungen ausgenommen hat.

 

Der Autor ist Direktor des Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe.

 

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