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Selectra!

Melanie Bono (Hrsg.): „Thomas Ruff: Stellar Landscapes“

Von Daniel Ableev

 

Thomas Ruff ist ein Kunstfotograf mit internationalem Standing („Infinity“-Preis 2006). In seinen Arbeiten thematisiert er recht unterschiedliche Dinge, aber seine besondere Leidenschaft gilt wohl der Astronomie. In diesem Bildband zur gleichnamigen Ausstellung im LWL-Landesmuseum Münster gibt es also – neben drei klugen, erhellenden Essays – vor allem Kosmisches, Allzukosmisches zu bewundern. Als vielseitigem Künstler ist Ruff kaum eine Kunstmethode fremd. Für viele seiner Sternschaften bearbeitet er beispielsweise von der NASA copyrightfrei zur Verfügung gestellte Aufnahmen von Planeten und tut damit einen Schritt in Richtung Selectronik, jenes Phänomen, das in nicht so ferner Zukunft Kunst und Künstler, wie wir sie derzeit kennen, ersetzt haben wird durch die Ästhetik des Auswählens bzw. Auswählers, sprich: Selectronik/ers. Schon jetzt sind die Server der Welt mit Milliarden Fotos aller Arten und Formen voll. Natürlich ist die Menschheit noch nicht so weit, eine Datenbank mit allen mathematisch möglichen Grafiken zu erzeugen oder zu besitzen, aber wir nähern uns diesem Zustand tagtäglich an, denn mit jedem Tag dürfte es schwieriger werden, sich ein Bild vorzustellen und es anschließend nicht bei Google oder YouTube zu finden. Indem Ruff nicht erst selbst schafft, sondern bereits vorliegende Digitalien manipuliert oder aber Computersoftware zur Erzeugung von abstrakten Geometrien nutzt, führt er das Prinzip des Ready-made in die Zukunft.

 

Der Minimalismus seiner ätherischen Werke ist genau das Richtige für jeden, der auf der Suche nach Universum ist, worin sich bekanntlich das große puristische Existieren im Nichts der Gefühle offenbart. Das sog. Unende des interstellaren Seins ist nur zu fassen, wenn man sich vorher warm anzieht. Thomas Ruff fängt zumindest einen Teil dieser Jenseitigkeit in seinen fernwehenden Bildeskapaden ein. Die geisterhaften Vielfalter des scheinbaren Nihil sind hier die Protagonisten. Numinose Chill-out-Märchen, die uns das Firmament jede Sekunde einflüstert, werden hier eingefangen und bringen vielleicht sogar das eine oder andere Hirn zum Schweben. Es ist zutiefst niedlich, wenn der Mensch in seiner alltäglichen Beschränktheit nach dem Anderen und dem Jenen strebt. Diesen Strebern tut der vorliegende Bildband gut, denn er ist äquivalent zu Filmen wie „Contact“ und Alben wie „Oxygène“. Der Traum vom Quantenkind trägt aber auch massives Pathos in sich, das hier ebenfalls nicht zu kurz kommen darf.
 

LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster / Melanie Bono (Hrsg.):

„Thomas Ruff: Stellar Landscapes“

Kehrer 2012

144 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Euro 36,00

ISBN: 978-3868282610

 

 

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Verlassene Kinder, verlassene Eltern

Andrea Dieffenbach: "Land ohne Eltern"

Von Berit Scholz

 

Getrennte Familien, das ist wohl der größte gemeinsame Topos, der Europa eint – es wirkt fast so, als sei es dieser Nicht-Ort, die Ou-Topie, die Europa, seit es zusammenrückt, zum Funktionieren braucht.

Verlassene Kinder sind die Folge davon und die ersten Opfer. Sie gibt es an vielen Orten in Europa, aber nur leergefegt von Eltern ist vor allem ein Land; es ist Moldawien. Das ist kein Geheimnis für alle, die sich in Italien auskennen und die dortige Situation der Gastarbeiter nicht übersehen können. Als Westeuropäer nimmt man die allein abgereisten Eltern wahr. Im zweiten Teil des Photobandes „Land ohne Eltern“ von Andrea Dieffenbach kann man das Leben der Arbeitsimmigranten genauer betrachten. In dem vorliegenden Band geht es um moldawische Gastarbeiter in Italien. Eine durch die Sprachverwandtschaft (in Moldawien wird neben Russisch Rumänisch gesprochen, das den selben Sprachstamm hat wie Italienisch) etwas unkompliziertere Verbindung.

Ausgangspunkt dafür kann das Bild der Moldawierinnen sein, die sich eine Pause in der Sonne gönnen, abgekämpft, aber gar nicht fähig zur Erholung: fehlt dem Mensch sein Kind, ist Entspannung lächerlich oberflächlich. Sie verrichten die Arbeit, die das überalterte Italien nicht machen will oder machen kann. Verlassen ihre Kinder, überlassen sie den alten Großeltern, um die Alten, für die am Ende eines Lebens im westlichen Fürsorgestaat niemand sorgen will, zu bekochen und zu füttern. Als Putzkräfte und Erntehelfer schuften die anderen, in den Lücken, die noch nicht maschinell ausgefüllt sind.  Warum machen die Italiener das nicht? Es scheint politisch nicht gewollt zu sein – wenn die Gleichen unter ihresgleichen die unterste Arbeit machen müssen, dann ist Europas Verheißung und Europas Fessel für seine Bürger, der Wirtschaftsstaat, der den Einheimischen mit Aussortierung droht, wenn sie in der Arbeitswelt nicht mitziehen, in Gefahr; soziale Ruhe wird erkauft durch Menschen, die noch weiter unten stehen als die, die seit Jahrzehnten im erwünschten Sozialmodus. Eine Welt der erfundenen Privilegien.

Mit den Talenten der Menschen aus Moldawien  haben ihre Tätigkeiten nichts zu tun. Nur die Herkunft ordnet zu.  Es ist der nackte Überlebenskampf. Die Bilder, die Dieffenbach von Natur und Häusern einstreut. jene Bilder ohne Menschen, erzählt davon. Diese begeisternd hochwertige Photographie, die davon geprägt ist, dass sie eine soziale Aussage hat, überfrachtet nichts mit falschem Pathos. Das hat sie bei ihrer genauen Komposition nicht nötig.

Die bedrückende Realität tut ihr Übriges. Die Schere zwischen reich und arm zeigt sich mittlerweile auch die Schere zwischen den Staaten.

Im ersten Teil des Buches besticht das Unpathetische dieser Photographie noch stärker, denn dort finden sich die verlassenen Kinder in Moldawien .  Durch die ganz normalen Lebenssituationen – baden, einfache Straßenszenen, telephonieren  - daran wird das menschliche Drama deutlich, ohne mitleidserheischend zu sein. Dieser Band ist höchste Vollführung sozialer Photographie. Wie sehenswert!

Und wie bedenkenswert! Denn das Thema trifft auf so viele Länder und Menschen zu, dass man sich mit den aufgeworfenen Fragen grundsätzlich beschäftigen muss, um die Gegenwart ganz zu erfassen.

Die Melancholie dieser Bebilderung, die uns  eindringlich vom Alltag erzählt, ist neben dem Politischen auch eine poetische Annäherung. Es geht um Menschen, und auch um Mitdenken im Neoliberalismus. Das Buch „Land ohne Eltern“ ist einer langen, tiefgehenden Betrachtung wert, und der Betrachter geht unendlich bereichert aus diesem Buch.

Was hat es auf sich mit Europa?  Kann diese Arbeitswanderung so etwas ein Gründungsbaustein sein? Ist Planung dahinter? Ist es die Voraussetzung für Europa? Kinder stören nur in diesem schönen, neuen Staat. Die Menschen im westlichen Teil haben das inhaliert, und sie haben aufgehört, Kinder zu bekommen. Überredet werden soll man zum Kind durch die Verlockung, Kinder zu haben und  ohne Einschränkung abhängig beschäftigt arbeiten zu können. Und die wenigen Kinder, die da sind, spüren, dass sie in diesem leeren, überalterten Kontinent dennoch übrig sind und besser nicht da wären. Nein, Europa hat keine goldene Zukunft.

 

Andrea Dieffenbach:

"Land ohne Eltern"

Kehrer Verlag 2012

123 Seiten, 39,90 Euro

ISBN 978-3-86828-337-2

 

 

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Eine riesige Entdeckungsreise

Ludger Derenthal / Christine Kühn (Hg.): "Ein neuer Blick: Architekturfotografien aus den Staatlichen Museen zu Berlin"

Von Urs Meyer

 

Wenn etwas nicht kanonisch sein will, liegt nahe, dass es lückenhaft und chaotisch ist und nur aus der Not eine Tugend macht. Man kennt das von Privatsammlern, bei denen es an Kenntnis fehlt, und aus Berliner Museen, in denen einfach zu viel fehlt. Anders liegt es, wenn Anfänge gemacht werden, da braucht es nichts mehr als Mut und Vision.

Das Museum für Fotografie in Berlin versucht das auf streng institutionalisierte Art. Wohl ein Widerspruch, schaut man auf die öden Geleitworte in dem Katalogband „Ein neuer Blick. Architekturfotografie aus den Staatlichen Museen zu Berlin“. Die zu überspringen, empfiehlt sich. Denn auf sie folgt ein Ritt durch Zeiten und Welten, kreuz und quer, in aufregender Unsystematik. Allen unterschiedlichen Themen, -Bauaufnahmen, antike Ruinen, Interieurs, nächtliche Architekturfotografie bis hin zu der mal alles umfassenden Beitragsüberschrift „Bau, Stadt, Bild. 1945 bis 1985“- ist letztlich nur das Medium gemein, in dem sie für die Nachwelt festgehalten werden. Den Texten, die sich allesamt recht kurz fassen (Autoren u.a. Ludger Derenthal, Stefanie Klamm, Kristina Lowis, Barbara Lauerbach, Janos Frecot), folgt ein 270 Seiten langer Bildteil, in dem herausragende (darunter bekannte Namen und gänzlich unbekannte) photographischen Botschaften aus vergangenen Zeiten präsentiert werden. Botschaften alle in Kürze. Eine riesige Entdeckungsreise, zu der man anders als durch dieses Buch niemals aufbrechen könnte, ist es für den Betrachter, und auf die macht man sich wieder und wieder.

 

Ludger Derenthal / Christine Kühn (Hg.):

"Ein neuer Blick: Architekturfotografien aus den Staatlichen Museen zu Berlin "

Deutsch / Englisch

450 Seiten , 48 Euro

Wasmuth, 2011

ISBN: 978-3803007049

 

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Drastische Gegenteile

Tony Shafrazi (Hg.) : "Dennis Hopper - Trade Edition: Photographs 1961- 1967"

Von Sebastian Müller

 

„Dennis Hopper photographs“ ist ein großer dreisprachiger Bildband, in dem zum einen natürlich Hoppers Photographien abgebildet sind, zum anderen auch sein Leben, seine Filme dargestellt wurden. Der Band präsentiert beides durch seine nicht allzu kleine Ausstattung.

 

Dennis Hopper hat viele sehr verschiedene Dinge  fotografiert, Menschen, aber einfach nur Straßen und Landschaften. Er fotografierte drastische Gegenteile, das Amerika, das voll von Armut ist. Eine alte Werbetafel, auf der kein Plakat klebt, auf der nur noch abgekratzte Leere zu sehen ist, ist symptomatisch. Und dann das Hollywood – Glamour–Amerika. Hopper photographierte er am Set, und er photographierte Stierkämpfer, er photographierte berühmte Menschen wie Paul Newman, James Dean und Liz Taylor und völlig Unbekannte auf der Straße. Film und Photografie passen hier zusammen, Hopper schafft zwischen beidem einen Schulter schluss. Photos als Kunst, Filme als Kunst, und die Photos waren das Verbindungsstück zwischen echtem Leben und Hollywood.

 

Man liegt gänzlich falsch, wenn man denkt, dass Hopper eben "nur" ein Hollywoodstar gewesen sei. Zwar könnte man dem aufsitzen, wenn man Hoppers Leben isoliert betrachtet, aber wenn man sich näher damit beschäftigt, ist es etwas ganz anderes, als zum Bespiel Tom Cruise, mit seinem unechten Kaugummi-Lächeln (eine Eigenschaft, die mittlerweile jeder Hollywood-Star angenommen hat). Keine Castingshows, echte Film- und Photokunst. Was heutzutage noch in Hollywood produziert wird, kann man wohl  kaum als Kunst bezeichnen. Keine Filmkunst und kein künstlerisches Leben nebenher. Die echte Filmkunst muss heute in den kleinen Independent- Produktionen gesucht werden. Kunst aus Hollywood, wie die Hoppers und Zeitgenossen, ist Geschichte.

 

Tony Shafrazi (Hg.):

"Dennis Hopper - Trade Edition: Photographs 1961- 1967"

Englisch / Deutsch / Französisch

Taschen Verlag 2011

542 Seiten, ca. 100 Euro

Größe und/oder Gewicht: 37,4 x 5,1 x 28 cm

ISBN-13: 978-3836527262

 

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Begegnung

Roger Eberhard:„In Good Light“

Von Tobias Hofer

 

 

Ehrlich ist schwer. Versagen ist schwer. Beides zusammen erlebt man, wenn man als Passant an Obdachlosen vorbeieiert. Wenn sie betteln, einen gar ansprechen, wird dieser Schutzradius, den man als Großstadtmensch im öffentlichen Raum um sich hat und für sich beansprucht, übertreten. Man erschrickt. Fühlt sich gestört. Es ist den Obdachlosen eigen, dass sie heruntergekommen aussehen, man sieht ihnen an, dass sie der modernen Gesellschaft entrückt sind, ohne Arbeit und Wohnung. Das ist gruselig für all die anderen, die so zu spüren bekommen, wie fragil auch ihre Situation ist, wie schnell der Kampf den man täglich kämpft, verloren werden kann. Ein schrecklicher Schauer, ein Gedanke, den man nicht zulässt, wenn der Geruch der Straße zu einem dringt. Das müssen andere Wesen mit anderen Gefühlen sein, vor allem unfähige Menschen, die ihr Schicksal nicht in die Hand nehmen. Je aseptischer die Berufswelt, desto fremder diese Unterwelt. Der erste Gedanke: Weg, nur weg; Distanz.

Wer reflektiert, merkt, dass diese andere Welt das Nebenprodukt ist, das mehr mit den Krawattenmenschen zu tun hat, als einem lieb ist. Es für normal zu halten, sich damit abzufinden, das ist das allgemein Erwartete. Und doch sind sich die meisten über die Situation dieser Menschen sehr viel stärker im klaren, als es Politik und Gesellschaft erlauben. Unsicherheit, die ist das erwünschte Damokles-Schwert; aber kein Mitgefühl. Nur nicht so enden! ruft es im durchschnittlichen Bürger. Zu einem Aufstand, zu der absolut notwendigen Umkehr der Gleichgültigkeit kommt es so nie.

Der treffliche Schweizer Photograph Roger Eberhardt hat zu den subtileren Mitteln seiner Zunft gegriffen, indem er Obdachlose photographiert und zwar, wie der Titel des Buches besagt: In Good Light. Ohne dass er sie verkleidet, aufgemotzt hat, hat er durch gelungene Photographie wieder die Menschen, die Charaktere zurückgewonnen. Allein durch Schwarz-weiß-Aufnahmen vor einem dunklen Hintergrund. Die Obdachlosen haben ihre schmutzigen Jeans, an haben ihre dreckigen Fingernägel und in den Gesichtern die Narben ihrer verletzten Integrität. Die Betrachter, die nun in Ruhe, ohne zurückweichen zu wollen, schauen können, müssen mit Erstaunen bemerken, was für ausgeprägte Persönlichkeiten, mit Talent zur Pose, ihnen begegnen.

Die geschleckten Hollywood-Gestalten sind Barbie-Puppen dagegen; hier spricht in jedem Bild die Härte der Platte, aber auch wird erzählt von Menschen und Tiefgang. Das ist anziehend. Genial nicht nur im Portrait - auch diese unglaublich gekonnte Inszenierung!

 

 

Roger Eberhard:

„In Good Light“

Mit einem Vorwort Bernhard Schlink

Scheidegger & Spiess 2011

Geb., 30,4 x 28,8 x 1,4 cm

64 Seiten, Euro 68.-

ISBN 978-3858813282

 

 

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Hochpolitisch, aus dem Alltag

Mitch Epstein: "State of the Union"

Von Tobias Hofer

 

Dass die Welt sich verändert und wir ihr dabei zuschauen, das hat mit Geld, mit arm und reich und mit den USA zu tun. Was geschieht dort? Was ist aus den Ideen Amerikas geworden? Jede Analyse wird zur Zeit schneller als man denken kann. Allein festhalten kann man, wohin die Reise gegangen ist, und das kann - wie Christoph Schreier vom Kunstmuseum Bonn in seiner ebenso kundigen wie bündigen Einleitung konstatiert - , das kann mit dem Auge, das den guten Photographen von allen anderen unterscheidet, Mitch Epstein. Der Bildband "Mitch Epstein. State of the Union" schließt mit zwei weiteren erhellenden Textbeiträgen: "Das Alltägliche ist politisch. Amerikanische Dokumentarfotografie der 1960er und 1970er Jahre" (Gisela Parak) sowie einem Interview mit Epstein (Stefan Gronert).

Den Hauptpart stellen die Photographien, eine Auswahl der Extraklasse. Es sind hochpolitische Bilder, die das Leid und die Lebensfreude, den Überlebenshumor des amerikanischen Kontinents vereinen. Es ist fast erschreckend, was Epstein schafft, in Photos zu verbinden. Industrie, Armut, Reichtum. Freiheit - alles, was die ambivalenten USA ausmachen. Epstein sieht hin und inszeniert nicht. Damit stellt er sich als Künstler dem einem breiteren Publikum ungleich bekannteren Jeff Wall entgegen. Dessen Erschaffungen von Ensembles braucht Epstein nicht, er schafft es, zur Entdeckung des Tatsächlichen zu leiten. Durch und durch das Amerika, bei dem es nicht genügt, irgendwelche monumentalen Landschaften zu romantisieren oder zu verkitschen. Epstein bildet die Realität ab und ist -er ist 1952 geboren- auch zum Chronisten geworden, mit Verve für den verlorenen Menschen.

 

Berg, Stephan / Schreier, Christoph (Hg.):

Mitch Epstein. State of the Union

Deutsch/englisch

120 S., Euro 39,80

Gebundene Ausgabe, 37,3 x 25,1 x 1,8 cm

Hatje Cantz 2011

ISBN 978-3775727846

 

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An ihr kommt man nicht vorbei

Anton Holzer: "Trude Fleischmann - Der selbstbewusste Blick"

Von Maximilian Wischnewski

 

Pionierarbeit zu bewerten, ist immer ein wenig undankbar, und grade in der Photographie ist es undankbar: Weil die technischen Voraussetzungen um ein Wesentliches schlechter waren als heute. Das heißt, die Ergebnisse sind mit heutiger Photographie nur bedingt zu vergleichen. Trotzdem ist Trude Fleischmann (1895 bis 1990) -schon in den 1920er Jahren mit eigenem Studio in ihrer Geburtsstadt Wien, konnte sie auch nach der Flucht nach New York an ihre Erfolge anknüpfen- eine Pionierin. Inhaltlich, weil sie eine feministische Photographin war, ohne sich je Feministin zu nennen oder das vor sich hinzutragen. Bei ihr kommt einfach Unverständnis für Ungleichheit zum Ausdruck.

In diesem Buch sind neben hervorragenden, erhellenden Texten (von Anton Holzer, Frauke Kreutler, Astrid Mahler, Marion Krammer, Heike Herrberg) Portraitaufnahmen aus der Zeit aus Wien aus den späten zwanziger Jahren bis New York aus der Mitte der vierziger Jahre. Die Bilder sind neben dem künstlerischen Werk ein Zeitdokument der kreativen Köpfe aus dieser Zeit, die ja zunächst und in Künstlerkreisen immer eine Explosion der Freiheit und Kreativität war. Das Unheil, es dräut im Rückblick im Hintergrund. Beschämend etwa das Portrait von Furtwängler - wohin sind Menschen wie er nur gekommen und warum?

Absolut sehenswert sind die Photographien von Tänzerinnen, die Fleischmann, selbstbewusst-homosexuell, mit Leidenschaft in Szene setzte. Diese beeindruckenden Bilder würde man heute als Publicity-Stunt bezeichnen, denn sie sind nicht der Kernpunkt des Werkes von Trude Fleischmann. Darum führt das Titelbild, eine nackte Frau, in die Irre; es geht nicht um Akt, sondern um Portrait. Der unbedarfte Käufer wird so durch etwas angelockt, was dann nicht gehalten wird. Nun, stattdessen wird ihm eine Pionierin präsentiert, an der man dann zu Recht nicht mehr vorbeikommt.

 

Anton Holzer: Trude Fleischmann - Der selbstbewusste Blick

Gebundene Ausgabe, 27,4 x 21,6 x 2,5 cm

Hatje Cantz, Deutsch, Englisch 2011

200 S., Euro 39,80

ISBN 978-3775727808

 

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His Eye on the Road

Ed Ruscha: "Road Tested"

Von Tobias Hofer

 

Ruscha ist Amerikaner. Mit 14 trampte er mit einem Freund von Oklahama City nach Florida. Das Auto, die Straßen, das, was leuchtet, blinkt und in Bewegung hält – alles Ruscha- Motive: „… Ruscha keeps his eye on the road“. Nichts in dem einleitenden Aufsatz „A Long Drive“ (Michael Auping) erstaunt, etwa, dass Ed Ruscha beim Fahren die besten Ideen bekommt oder, wie sehr ihn Kerouacs „On the Road“ inspiriert hat. Auch das Interview mit Ruscha enttäuscht nicht. Der Mann ist ein cooler Autofahrer, und dazu hat er die Kamera im Anschlag.

Ruscha kennt man, aber dieses Buch ist eine gelungene Zusammenfassung seiner Kunst, sein amerikanischer Traum: Road tested, so der mehr als passende, kultige Titel. Ja!! Seine Kunst ist ihm nicht „eingefallen“, sie ist nicht über ihn gekommen, sondern sie ist mit ihm gewachsen. Wer sich Ruschas Tankstellenbilder anschaut, kann nicht nur sehen, was der Künstler gesehen hat, er kann auch das Lebensgefühl nachempfinden. Ruscha hat sie immer mehr aufs Wesentliche reduziert, bis die Tankstelle nach ihm, nach Ruscha aussah. Er formt die Anschauung nach seinen Gefühlen, er ist alles andere als ein flüchtiger Urlauber, der Landschaft unkreativ konsumiert. Viele seiner Bilder versprühen den Charme der siebziger Jahre. Ruscha hat irgendwann den Bruch gesucht und ihn dann vollzogen, es gab jene Welt, in di er gestartet war, nicht mehr, der Zeitsprung hat ihm einen anderen Kontext aufgezwungen (z.B. eine Erdölbohrstelle, 2003). Richtig loslegen –eine Beobachtung, die diese Sammlung bestätigt- tut er seit 2000 wieder; seither gibt es weider nichts Tolleres als einen Ruscha!

Das Buch, auf englisch, lesenswert, sehenswert, schließt mit einer Auflistung von „Selected Solo Exhibitions“ und „Artist’s Books and Selected Catalogues“.

 

Ed Ruscha: Road Tested

Gebundene Ausgabe, 29,4 x 25 x 2 cm,

Hatje Cantz Verlag, Englisch

128 S., Euro 35,00

ISBN 978-3775728102

 

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Ein gutes Stück Wahrheit

Faszinierend: "Dead Eagle Trail"

Von Tobias Hofer

 

Der Photoband "Dead Eagle Trail. Amerikas Cowboys des 20. Jahrhunderts" zeigt das ambivalente Gefühl zwischen einem echten Bedürfnis nach Freiheit und der Realität.

Wie man einen Mythos in Szene setzt, wie man alles, was darin fast unmöglich zu bewältigen ist, meistert, das beweist die Photographin Jane Hilton mit diesem Buch.

Bilder mit kurzen Beschreibungen von Cowboys heute finden sich darin; weder sind sie kitschig noch künstlich kritisch: Es ist klassische Cowboy-Photographie, in einer wahnsinnsamerikanischen Landschaft, in diesen Farben!

Reiter, die auf Straßen reiten, eine Glotze in der Cowboy-Stube - dieses kleine Stück Wahrheit, das macht das Buch so faszinierend.

Menschen zu zeigen, die mit der Natur sind, mit Tieren, in einer geradezu trostlos unromantischen Echtheit, der man anmerkt, dass sie einen viel stärkeren Bezug zu diesem Leben und dieser Landschaft haben als alle, die das lautstark propagieren. Es wird eine Sehnsucht geweckt im traurig zwangsverstädterten Mitteleuropäer. 

Darüberhinaus fehlt Jane Hilton nicht der Blick fürs Kleine. Nichts mit falscher Beleuchtung, keine falschen Himmelsfarben - es ist wirklich Photographie an sich: Das Motiv steht vor der falschen Wirkung. Es herrscht bei Hilton immer echtes Wetter.

"Dead Eagle Trail" ist kein Schinken; es ist ein Buch, das versucht, mit 93 Seiten auszukommen. Eine herrliche Auswahl für alle, die gute Photographie schätzen (und Fernweh kennen).

 

Jane Hilton: Dead Eagle Trail

93 S., Euro 39,90

Benteli 2010

ISBN 978-3716516256

 

Der Rezensent ist freiberuflicher Kunst- und Literaturkritiker.

 

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