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Vom Photo
Ortrud Westheider und Michael Philipp
[Hrsg.]: „Gerhard Richter - Bilder eine Epoche“

Von Eva Burghausen

 

In diesem Buch stehen die Bilder von Gerhard Richter, die er in den sechziger bis achtziger Jahren nach Photographien schuf, im Mittelpunkt. Ein tieferer Blick auf sie wird versucht, die Beiträge gehen ins Detail: „Gerhard Richters Bilder einer Epoche“ und „Atelierphotos 1965/66“ hat Uwe M. Schneede, der die diesem Buch zugrunde gelegte Ausstellung in Hamburg kuratiert hat und der ein ausgewiesener Richter-Kenner ist. Es bleibt ungewohnt, Kunsthistoriker über Gegenwartskünstler zu vernehmen, und durch die Nähe, auch die persönliche, werden wohl vor allem auch Zeitzeugnisse für nächste Generationen geschaffen. Derjenige, der sich mit Richter heute befasst, sorgt also auch für Rettung und Ordnung in dem, was bleibt. So sind in diesem Buch Briefe Richters zu lesen und ein längeres Gespräch (mit Schneede). „Heldenverehrung oder Ideologiekritik? Gerhard Richters Film „Volker Bradke“ von 1966 wird von Hubertus Butin analysiert: Damit auch ein Autor aus dem engen Umfeld; er ist „kunsthistorischer Assistent“ bei Gerhard Richter. Aus Dresden, Geburtsstadt Richters und Heimat des Richter-Archivs, -man möchte beinahe sagen: berichtet- Dietmar Rübel, Professor dorten: „Cut and Paint. Die Bilder der populären Presse und die Photomalereien der 60er Jahre“. Die Bucerius-Forums Direktorin Ortrud Westheider erläutert den „Zyklus 18. Oktober 1977“. Die Beiträge in dem Buch sind anders als in anderen Sammelbänden nicht redundant und schaffen es, Puzzlesteine eines angenehm abgesteckten Themas ineinander zu fügen. Für Laien, die sich immer mal und gern mit Gerhard Richters Werk beschäftigen, ohne Freaks zu sein, ist dieses Buch hochspannend. Gut die Hälfte ist ausschließlich den Bildern vorbehalten. Den Betrachter freut es.
 

 

Ortrud Westheider und Michael Philipp [Hrsg.]:

„Gerhard Richter - Bilder eine Epoche“

Hirmer 2011

212 Seiten, Euro 45,00

ISBN 978-3777434513 

 

 

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Die Frage nach Licht

Forschungsgruppe Historische Lichtgefüge [Hrsg.]: „Lichtgefüge. Das Licht im Zeitalter Rembrandts und Vermeers“

Von Bettina Meinzinger

 

Was bringt die Haut der Porträtierten in Rembrandts Bildern zum Leuchten? Wie setzt Vermeer Licht und Dunkelheit in seiner Darstellung von Alltagsszenen ein?

Zur gleichnamigen Ausstellung „Lichtgefüge. Das Licht im Zeitalter Rembrandts und Vermeers“ im Museum Schloss Wilhelmshöhe erschien das Handbuch der Forschungsgruppe Historische Lichtgefüge. In sechs Essays, die meist nicht mehr als drei, vier Seiten umfassen und eher den Eindruck kurzer Notizen erwecken, gehen die Autoren und Autorinnen der Frage nach Licht und Perspektive in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts nach. Benutzte man im Mittelalter die Methode der Goldgrundmalerei, um den Anschein zu erwecken, die Bilder leuchteten aus sich selbst heraus, entdeckte man in der Renaissance die Zentralperspektive, um Räumlichkeit zu Schaffen. Im 17. Jahrhundert bedienten sich Maler wie eben Rembrandt oder Vermeer der Helldunkelmalerei. Dadurch entstehen Räume aus dem Kontrast zwischen hell und dunkel, und weniger durch mathematisch-architektonische Techniken. Rembrandt verzichtet auf Umrisse und Konturen, seine Kompositionen beruhen auf der Verwendung monochromer Flächen. Dabei ist den dunklen Farben auch immer Helles beigemischt und umgekehrt. Vermeer hingegen kombiniert Zentralperspektive mit Helldunkelmalerei.

Daneben widmet sich ein Essay der Frage, ob Vermeer, dessen Gemälde sich eben auch durch eine strikte Geometrie auszeichnen, zum Erlangen dieser eine Camera Obscura benutzte, weiterhin finden moderne Annäherungsversuche an Vermeer durch den Künstler Tim Otto Roth, der im Rahmen der Ausstellung Bilder Vermeers auf einige wenige Raumkoordinaten herunterbrach, um diese als 3D-Lichtinstallationen an die Schlosswand zu projizieren oder das Installationskunstwerk „Meta Vermeer“ von Yasuhiro Sakamoto und Silvia de Toffoli Erwähnung. Ergänzt werden die überwiegend knapp gehaltenen Texte durch ein Glossar und einen farbigen Bildanhang.

 

Forschungsgruppe Historische Lichtgefüge [Hrsg.]:

„Lichtgefüge. Das Licht im Zeitalter Rembrandts und Vermeers“

Jovis Verlag 2011

80 Seiten, Euro 9,95

ISBN 978-3868591859

 

 

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Eine Evolution

Hans-Peter Wipplinger: "Francis Picabia"

Von Tobias Hofer

 

Francis Picabia fasziniert. Sein Oeuvre zu betrachten, wie es dieser schöne und auf die Bilder konzentrierte Katalog ermöglicht, bedeutet, einen unabhängigen Künstler kennenzulernen, der geradezu auf verstörende Weise mit den Moden jeder Zeit gespielt hat. Es ist unglaublich: Im Prinzip liegt mit Picabias Werken eine gesamte Evolution der modernen Kunst im 20. Jahrhundert vor. Sie ist an ihm darstellbar, weil er sie am eigenen Leibe durchlaufen hat - und auch durchlitten, denn immer wieder wendet er sich ab, bevor er in einem Manifest zu erstarren droht. Picabia ist so frei:  Van Gogh, Liebermann, dreißiger Jahre, Prä-faschistisches, russische Konstruktivisten der 30er Jahre, Picasso der fünfziger Jahre, Kinoplakate, fast DDRmäßiges; mit allem spielt er, wie es ihm gefällt. Und lässt es ebenso wieder fallen.

Die kritische Frage, die sich stellt, ist, ob Francis Picabia (zur Biographie finden sich aufschlussreiche Photos und Informationen am Ende des Buches) nie zu einem eigenen Stil gefunden hat. Technisch ist er ganz groß! So viel Begeisterung muss ohne Abwägung sein. Aber ist er nur auf fahrende Züge aufgesprungen? Wer dem zustimmt, sieht über das Genie hinweg, das immer durchschimmert.

Picabia iist, kann nicht Wegbereiter sein, aber er ist lebendiger Zeitzeuge und Teil  vieler Bewegungen. Seine Bilder bleiben im Gedächtnis und laufen vor dem inneren Auge ab wie ein Film zur Malerei. Die Auseinandersetzung mit diesem unkonventionellen Künstler – dieser Katalog bietet sie- ist spannend und fruchtbar und zwingt, über die wahren Bohemiens nachzudenken und den eigenen, vielleicht festgefahrenen Geschmack in Wallung zu versetzen.

 

 

Hans-Peter Wipplinger:

“Francis Picabia”

Verlag der Buchhandlung König 2012

205 Seiten, Euro 29,80

ISBN 978-3863352233

 

 

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Beeindruckende Ergebnisse

Hg. Veronika Hofer: "Die Gärten von New York"

Von Miriam Schneider

 

New York, das Flimmern dieser tollsten Stadt wird durch Gegensätze gemacht. Irgendwie akzeptierte Gegensätze, oder? Die sozialen Wortmonster, die sich aufregen über Unterschiede, Ungerechtigkeiten, die gibt’s, besonders weit weg von New York. Und vor allem nicht in den Gärten New Yorks. Dort lebt und regt sich the green upper class, die vor allem viel Geschmack hat. Den braucht man als Gärtner in New York, denn nichts wächst einfach so; der Humus der Gärten ist Beton.  Alles ist Menschenwille, Dünger und ein Quentchen grüner Daumen.

Die Ergebnisse sind beeindruckend - wie immer wohl, wenn sich bescheidet werden muss und Staunen nicht durch schlichte Gigantomanie -feudal kann jeder- hervorgerufen wird. „Die Gärten von New York“, das ist klingt nach Weltwunder... das Buch mit diesem Titel stellt 30 wundervolle Oasen vor, mit irrsinnig schönen Photos (von Betsy Pinover Schiff), die einen fast hungrig machen auf Metropolen-Gärten. Jeder von ihnen ist mit Texten versehen, die von den Gartenbesitzern erzählen, ihrer Motivation (das sehr anschaulich) und von der Art der Bepflanzung (das sehr kompetent). Veronika Hofer, TV-Journalisten, kann zu Bildern texten, und so ist dieses schöne Buch eine tolle Mischung. Übrigens geeignet für den gediegenen Gartenliebhaber wie auch für die Typen, die solche Photos einfach endcool finden. 

 

Hg. Veronika Hofer:

"Die Gärten von New York"

236 Seiten, 58 Euro

Hirmer 2010

ISBN: 978-3777420912

 

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Erstaunliche Mischung

Gordon Cheers: "Botanica"

Von Miriam Schneider

 

Botanica, da hat man es mit der erstaunlichen Mischung eines  Buches zu tun, das den Grat zwischen populärem und wissenschaftlichem Werk geht, Dieser fulminante Band, der durch Größe und Gewicht geradezu erschreckend umfassend wirkt (und, ja, auch ist) lädt den Leser mit zahlreichen und hervorragenden Photos in die Pflanzenwelt des Gartens ein. Eine Superlative: 10.000 Arten in Text und Bild alphabetisch nach ihren lateinischen Ordnungsbegriffen geordnet. Und dazu geballte fachliche Kompetenz: Es werden die Charakteristika dargestellt, und die Informationen über Verbreitung und Pflege ergänzen sinnvoll dieses ziegelschwere Buch.

Entscheidend für den hiesigen Pflanzenfreund ist zudem das gute Schlagwortregister, in dem die gängigen Volksnamen wie Löwenzahn, Gänseblümchen etc. nachgeschaut werden können. „Botanica“ ist kein Bestimmungsbuch, das muss man wissen, Das gibt die Anordnung in dem Buch nicht her. Es eignet sich dafür, Wissen zu vertiefen oder ein wenig zu schmökern.

Wenn man das Buch sieht und in den Händen hält, ist man wirklich erstaunt, wie ein solch aufwendiges Druckwerk überhaupt so erschwinglich sein kann. Was für ein Preis-Leistung-Verhältnis! Was für eine tolle Anschaffung!

 

Gordon Cheers:

"Botanica"

h.f.ullmann publishing 2011

1024 Seiten, Euro 29,99

ISBN 978-3833150142

 

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Endlich auch in der deutschen Wahrnehmung von der „amazing family“ befreit!

Ein beeindruckender Katalog über Elisabeth Mann Borgese

Von Ada Bieber

 

Schon der Umschlag des Katalogs über die jüngste Tochter Thomas Manns zeigt die Vielfalt und das Anliegen des gelungen Katalogs deutlich: Der Leser erblickt auf dem Umschlag die Weltbürgerin Elisabeth Mann Borgese, zuerst als „Kindchen“, dann als „Medi“, außerdem als junge Frau und zuletzt als Professorin für politische Wissenschaft mit dem Schwerpunkt auf Seerecht. Ein reiches und beispielloses Leben scheint auf dem Umschlag des Katalogs (–ganz in einem knalligem Pink, offenbar derzeit Modefarbe in Wissenschaft und Kultur –) festgehalten. Der Titel hebt das Lebenswerk Elisabeth Mann Borgese ins Zentrum: sowohl in der Ausstellung im Lübecker Buddenbrookhaus als auch im Katalog des Mare Verlags geht es weniger um die Zugehörigkeit zur „amazing family“, sondern vielmehr um „Das Drama der Meere“.

Elisabeth Mann Borgese hat erst einige Jahre vor ihrem Tod in Deutschland ein gewisses Maß von Bekanntheit erlangt, denn nachdem die redseligen Geschwister verstorben waren, lag die Nachlassverwaltung des Mann-Erbes bei ihr; einige Journalisten führten Interviews mit ihr oder es wurden kleine Reportagen für das Fernsehen über einen Besuch im Seebad der Kindheit, in Nidden, gedreht. Doch diese kleineren öffentlichen Auftritte im Zeichen der berühmten Familie blieben wohl auch nur einem interessierten Kreis zugänglich. Dies änderte sich schlagartig mit Heinrich Breloers Dreiteiler „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“. Dort redete und kicherte sich die bis dahin kaum zur Kenntnis genommene Tochter in die Herzen der Deutschen – was sie zu einem Ausspruch in der ihr typisch launig-präzisen Weise verleitete: „Mir scheint, die Deutschen sind ein bisschen übergeschnappt“. (S. 14) Und in der Tat verwundert, dass Elisabeth als Chronistin ihrer Familie so ungleich mehr Interesse entgegen gebracht wurde denn als umweltpolitische Aktivistin und Professorin, die sich weltweit für den Erhalt, den Schutz und für einen gerechten politischen Umgang mit den Weltmeeren einsetzte.

Dieses Ungleichgewicht und Forschungsdesiderat behebt nun der vorliegende Katalog. Denn unter den drei großen Kapitelüberschriften „Familie und Literatur“, „Politik und Weltmeere“ und „Persönliche und literarische Erinnerungen“ werden sowohl deutsch- als auch englischsprachige Aufsätze über Elisabeth Mann Borgese versammelt, die ein differenziertes und detailliertes Bild von ihr zeichnen, und sie gleichsam von einem allzu einseitigen Persönlichkeitsbild befreien. Das liegt vor allem daran, dass – neben aufschlussreichen literatur- und kulturwissenschaftlichen Erkenntnissen – der Blick auf ihr politisches und ökologisches Lebenswerk geöffnet wird. Alle Beiträger arbeiten ihre spezifisch emanzipierte, utopische und optimistische Haltung gegenüber tiefgreifenden Fragen von Politik und Seerecht sowie anderen, sich anschließenden Themengebieten heraus. Und gerade diese Haltung ist es auch, die nachhaltig an Elisabeth Mann Borgese beeindruckt. Denn es geht darum, den offenkundigen Bezug zur Familie Mann zu überwinden. Insbesondere bei Elisabeth Mann Borgese ein lohnendes und notwendiges Unterfangen, lebte sie doch ein vielgestaltiges und autonomes Leben: 1918 geboren, aufgewachsen in München, anschließend als Jugendliche in Zürich und den USA im Exil, wo sie 1939 den italienischen Antifaschisten Giuseppe Antonio Borgese heirat, mit ihm zwei Töchter bekommt und an der Universität von Chicago im „Comittee to Frame a World Constitution“ arbeitet. Nach einer Übersiedelung nach Italien und dem Tod ihres Mannes bleibt Elisabeth zunächst in Italien, zieht dort ihre Töchter groß und arbeitet für unterschiedliche Kulturzeitschriften, unternimmt weite Reisen und ist auf sämtlichen kulturellen und politischen Gebieten tätig und interessiert. Erst im Jahr 1967 liest sie eine sie tief beeindruckende Rede von Arvid Pardo und entdeckt die Möglichkeit, ihre politischen Bestrebungen und Vorstellungen auf dem Gebiet des Seerechts und der Ozeane anzuwenden. Ihr geht es ebenso wie Pardo um eine internationale Regelung zur Nutzung des Tiefseebodens und auch sie versteht das Meer als das gemeinsame Erbe der Menschheit. Die internationalen, sich anschließenden Aktivitäten regelt Elisabeth Mann Borgese zunächst aus einem Forschungszentrum in Californien, seit Ende der 1970er Jahre zunächst als Mitarbeiterin und dann als Professorin für Politische Wissenschaft an der Dalhousie University in Halifax, Canada. Es begleiten sie zeitlebens drängende ökologische Fragen, Fragen der Globalisierung und politische Fragen nach Gleichheit und Gleichberechtigung, denen Elisabeth Mann Borgese stets mit einer sehr sozialen wie auch humanistischen Haltung begegnet.

Der Ausstellungskatalog, der dankenswerter Weise nicht nur sie, sondern auch sie begleitende Menschen wie z.B. ihren Mann Giuseppe Antonio Borgese beleuchtet, macht aber bei aller Zuwendung und Herzlichkeit einzelner Autoren zur Person Elisabeth Mann Borgese klar, dass ein solches Leben für soziale und globale Gerechtigkeit nicht ohne preußische Pflichterfüllung, ein hohes Maß an Organisation und gelegentlich auch Kalkül zu bewerkstelligen war. So macht beispielsweise der Beitrag von Nikolaus Gelpke, der Elisabeth Mann Borgese sowohl als Student, als Mitbewohner und Dogsitter als auch aus der Zusammenarbeit durch den Mare Verlag bestens kannte, deutlich, dass hinter dem vermeintlich zu harmlos-netten Kichern häufig genug glasklare Überlegungen und Strategie stehen konnten. Die dort stellenweise aufscheinende Ehrlichkeit mag überraschen, zeigt aber, dass es im Katalog um ein wahrheitsgetreues und nicht um ein konstruiertes Bild dieser erstaunlichen Frau gehen soll. Genauigkeit wird auch über die sehr detailreichen, aus unterschiedlichen Disziplinen kommenden Beiträge hergestellt, denn es finden sich geradezu programmatisch ausführliche Aufsätze zu Einzelfragen und -aspekten aus dem Leben und Werk Elisabeth Mann Borgeses. Dies kann zwar gelegentlich, liest man den Katalog vollständig durch, zu Redundanzen führen, ermöglich jedoch eine ergiebige und interessengeleitete Lektüre. Dieser empfehlenswerte Katalog, der sich mehr wie ein Lesebuch denn wie ein Ausstellungskatalog ausnimmt, ist neben den fachlich orientierten Beiträgen auch in den gesammelten Erinnerungen stark, beispielsweise in den Erinnerungen John Irvings oder den eindrucksvollen Reiseerinnerungen Peter K. Wehrlis.

Diesem Band über eine eindruckvolle Frau des 20. Jahrhunderts ist zu wünschen, dass er weltweit in sämtlichen Sparten die ihm gebührende Aufmerksamkeit erfährt und das Erbe einer Frau bekannt macht, die weit mehr zu bieten hatte als Kindheitserinnerungen an ihren Vater.

 

Holger Pils, Karolina Kühn (Hg.):

"Elisabeth Mann Borgese und das Drama der Meere"

Mare Verlag 2012

352 Seiten, Euro 32,00

ISBN 978-3-86648-187-9

 

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Ein Bild, jenseits des großen Ozeans

Vermeers "Frau mit Waage"

König Max I. Joseph von Bayern als Sammler Alter Meister

17.03.2011 - 19.06.2011
Alte Pinakothek

 

Es ist lange her, dass Vermeer die "Frau mit Waage" gemalt hat (um 1164), und es ist lange her, dass der erste bayerische König, Max I. Joseph seine Lebenszeit nutzte, um eine grandiose Sammlung holländischer Maler zu erwerben (1756-1825). Darunter Vermeers "Frau mit Waage" - mit der die alte Zeit plötzlich Gegenwart wird. 1826 wurde das Bild versteigert, nun ist es aus der National Gallery of Art in Washington für drei Monate in Deutschland zu sehen.

Vielen steckt die Vermeer-Hysterie noch in den Knochen, obwohl sie schon Jahre her ist. Man pilgerte in die Niederlande, eine gute Ausstellung, aber das einzelne Bild spielte kaum eine Rolle. Denn auch in Deutschland gibt es einige Vermeers zu sehen - egal, wenn sie kein Event bedeuten. Diese alten, schlechten Gefühle wallen jedesmal auf, wenn der Name Vermeer fällt.

Aber hier ist manches anders. Die Alte Pinakothek, in ihrem 175. Jahr, zeigt ein Bild (umrahmt von einigen anderen Holländern), und wenn man einen guten Zeitpunkt erwünscht, kann man sich wirklich mit dem Bild, diesem Meisterwerk mit der Frau, die blass im Lichtschein steht, beschäftigen.

Die Pinakothek, die weit weg von den Global-Event-Locations, die sich nur das Label Museum ankleben, ein Fels in der Brandung ist, ist der wohl beste Ort für dieses ruhige Bild und für sich vertiefende Besucher. Ein kleines, ein einzelnes Bild, das den Horizont erweitert. Diese Ausstellung ist nicht unberechtigt die empfehlenswerteste in diesem Frühjahr. Bis Mitte Juni in München.  

 

Vermeer in München

König Max I. Joseph von Bayern als Sammler Alter Meister

17.03.2011 - 19.06.2011
Alte Pinakothek

 

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Von allen verlassen

Annett Zinsmeister (Hg.): Update! 90 Jahre Bauhaus - und nun?/ 90 Years of the Bauhaus - What now?

Von Christina Lutz

 

Das Bauhaus ist ein Schicksal, mit dem man sich einfach abfinden muss. Die Architekten und Künstler, die sich da zusammentaten, entwickelten eine Dynamik, die bis heute anhält. Sie lässt Ideen sprudeln und erdrückt sie, sie ist die einziger Tradition, auf die man glücklich blicken kann, und sie zerstört alles, das sich nicht den Maximen der Bauhaus-Nachfahren unterwirft.

Das ist außerhalb der einschlägigen Lehrstühle common sense. Innerhalb sieht es anders aus. Da wird schon als kleinbürgerlicher Spießer diffamiert, der gegen die Dauerdoktrin Bauhaus aufbegehrt – und entpuppt sich meist als solcher. Wären es mutige Ketzer, hätte Deutschland wohl ein anderes Erscheinungsbild. Annett Zinsmeister, Architektin, Künstlerin, lehrt in Stuttgart, wohnt in Berlin, kommt von innen und fragt: „Update! 90 Jahre Bauhaus und nun?“. Sie hat das Buch herausgegeben und eingeleitet, ohne fachzusimpeln und wegzulassen; ihr gelingt ein kurzer Überblick auch für den unbedarften Leser. Was in Weimar, Dessau und Berlin geschah, repetiert ein weiterer Text (von Jeannine Fiedler), sowie einer (von Karin Wilhelm) zum Amerikanismus im Bauhaus. Dem Charisma des Bauhausgründers Walter Gropius und dem Glanz, der der Bewegung dadurch verliehen wurde, widmet sich der Beitrag von Kai-Uwe Hemken. Das sind Ausführungen, bündig und gut und nicht neu.

Eine kritische Reflektion des Bauhauses liefern (nach Philip Ursprung) drei Amerikaner, Jeff Wall dabei. Der Blickwinkel entstammt den USA der siebziger Jahre, und entgegen der Deutung des Autors, mutet sie sehr, sehr brav an. Der Mythos überlagert für diejenigen, die sich mit diesen genialen Würfen beschäftigen, doch alles andere. Bei der Betrachtung von Glanz und Elend stehen sich viele Experten selber im Weg.

Tragischerweise fehlt dann plötzlich auch der Klarblick auf das, was das Bauhaus wirklich geleistet hat. Man bejammert, wie die unverständigen Menschen Bauhaus verderben. „Leben mit Walter – Kleines Glück im großen Plan. 75 Jahre Wohnen in Törten“. Diese Siedlung steht in Dessau, und sie wird immer wieder von Bauhaus-Fans durchstreift. Der Fotoessay soll die Zerstörung zeigen, das Kopfschütteln über die ignoranten Bewohner inklusive. Doch in Dessau, nach Nazi-Zeit, nach DDR, nach Konsumkapitalismus und nun von allen verlassen, sieht es in den meisten Ecken schlechter aus. Und andere Siedlungen in Deutschland? An deren Grausamkeit reicht Törten nicht heran. Hier funktioniert ja noch etwas! Das Bauhaus entfaltet seine Kraft grade dort, wo die Testamentsverwalter anscheinend geistig nicht hinkommen. Auf das Update Bauhaus muss noch gewartet werden.

 

Annett Zinsmeister (Hg.): Update! 90 Jahre Bauhaus - und nun?/

90 Years of the Bauhaus - What now?

176 S., €

Jovis Verlag

Deutsch, Englisch

ISBN 978-3868591026

 

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Zwischen Muße und Lebensart

Gedanken schweifen lassen: „Flaneure. Begegnungen auf dem Trottoir“

Von Melanie Grundmann

 

„Flaneure. Begegnungen auf dem Trottoir“ besticht auf den ersten Blick durch seinen Sondereinband, der sich wie ein Tor in eine andere Welt öffnen lässt - so wie auch der Flaneur in seinen Beobachtungen in fremde Leben eintritt. Das Buch vereint Texte von Charles Baudelaire bis Peter Handke, von den Anfängen des Flanierens bis in die Gegenwart  und zeigt so die Spielarten einer Beschäftigung zwischen Muße und Lebensart. Ob das Flanieren tatsächlich eine reine Männerdomäne ist, wie die Herausgeberin Stefanie Proske in ihrer Einleitung schreibt, ist zumindest in der Postmoderne fraglich und so schleichen sich auch zwei Frauen in diese Anthologie ein.

Die Flaneure der ersten Stunde, so der erste von drei Teilen der Sammlung, darunter Poe, Baudelaire und George Rodenbach, zieht es allesamt des nachts auf die Boulevards. Sie erforschen das Leben der unteren Schichten, den Unrat und das Elend der modernen Metropolen. Die Reichen handelt Poes Flaneur in einem Satz ab, um umso länger beim Elend der Diebe, Trunkenbolde und Prostituierten zu verweilen. Das allmähliche Abtauchen in die Nacht und die Dunkelheit spiegelt den moralischen Verfall. Der Blick des Flaneurs wandelt von der pulsierenden Masse zum Einzelschicksal. Die Geschwindigkeit der Großstadt spiegelt sich in der stakkatoartigen Sprache, das Episodenhafte der Stadt in episodenhaften Gedanken. Die ersten Flaneure eint ihre Vorliebe für das Kaputte und Leidende, das mit allen Sinnen erfahren wird - den Augen, den Ohren, der Nase. Manchmal jedoch werden negative Gefühle durch die Menge aufgelöst, das Flanieren zu einem katharsischen Erlebnis. Es ist eine passive Tätigkeit: der Flaneur träumt sich in ein anderes Leben, vielleicht einzig um dem eigenen zu entkommen.

Bei Siegfried Kracauer, einem der Flaneure der Hoch-Zeit, so der zweite Teil des Buches, lebt die Stadt: Die Straßen werden zu engen Schluchten, ausgetrockneten Flussläufen und blühenden Steintälern; die Schornsteine bilden ein Dickicht. Der Flaneur erlebt Animalität und wilde Natur statt betonierter Künstlichkeit. Diese wiederum bietet Peter Handke Anlass zur Kritik. Er eröffnet den Abschnitt über die Flaneure der Gegenwart, die allesamt aus Berlin berichten, das der Herausgeberin zufolge die aktuelle Hochburg des Flanierens darstellt. Handke betrachtet die funktionale Architektur des Märkischen Viertels, das so rational und unmenschlich ist, dass die Menschen Ritualen folgen, um sich ihres Lebendigseins zu vergewissern. In solch sachlich konstruierten Wohnvierteln sei kein spontanes Leben möglich, nichts kann sich dort organisch entwickeln und schaut man auf die heutigen Problembezirke, so findet Handkes Kritik traurige Bestätigung. Johannes Groschupf weilt dagegen in Neukölln. Er fotografiert die Stadt, die Häuser und ihre Details, später auch die Menschen als Teil ihrer Umgebung. Dieser sekundäre Blick durch die Linse ist ein Novum des Flanierens, macht die Beobachteten noch mehr zu Objekten und reduziert das Leben auf einen Augenblick. Der Flaneur wird zum Dokumentar.

Das Flanieren ist ein Paradox. Trotzdem der Flaneur in der Menge weilt, bleibt er anonym - wie oftmals auch das beobachtete Objekt. Kein Kontakt wird hergestellt und treffen sich die Blicke doch einmal zufällig, so folgt kein Gespräch. So spiegelt das Flanieren die postulierte Einsamkeit des modernen Großstadtmenschen und die Anonymität der Großbauten. Zugleich setzt der Flaneur in seiner Langsamkeit einen Kontrapunkt zur Hektik des Alltags und fällt den anderen in seiner Unproduktivität beizeiten negativ auf. So inspirieren diese Geschichten zum Schweifenlassen der Sinne und Gedanken.

 

Stefanie Proske (Hg.): Flaneure. Begegnungen auf dem Trottoir

Edition Büchergilde 2010

198 S., Euro 14,95

ISBN 978-3940111777

 

Die Rezensentin lebt und arbeitet als freie Kulturwissenschaftlerin in Berlin.

 

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